Massenentlassung langjähriger Mitarbeiter
im Siemens-Betrieb München-Hofmannstraße
Sehr geehrte Damen und Herren des Siemens Aufsichtsrates,
nachdem wir uns bereits vergeblich an den Vorstand der Siemens AG gewandt haben,
bitten wir Gekündigten der Münchner Hofmannstraße nun Sie als unseren Aufsichtsrat um Ihre Hilfe.
Wir bitten sowohl als Mitarbeiter als auch als Aktionäre um diese Intervention.
Uns wurde trotz langjähriger Firmentreue (durchschnittlich 20 Jahre) am 15.1.2003 gekündigt,
nahezu zeitgleich mit der Bekanntgabe der aktuellen Siemens-Rekordgewinne in Milliardenhöhe.
Über diesen Gewinn freuen wir uns natürlich - wir haben ihn ja mit erwirtschaftet.
Wir vermögen aber nicht zu verstehen, warum langjährigen Mitarbeitern angesichts dieser
Prosperität gekündigt wird. Selbst Bundespräsident Johannes Rau kritisierte kürzlich anläßlich der neuesten Erfolgszahlen: "Es macht mich wütend, wenn Unternehmen auf Pressekonferenzen das beste
Ergebnis ihrer Firmengeschichte bekannt geben - und gleichzeitig weitere Entlassungen."
Auf der Siemens-Hauptversammlung am 23.1.2003 erklärte der Vorstandsvorsitzende
uns Aktionären dazu noch: "Massenentlassungen bei Siemens gibt es nicht"
(von Massenentlassungen spricht man bekanntlich ab 30 Entlassungen).
Auch können wir die Kündigung unserer Arbeitsverhältnisse nicht akzeptieren,
weil wir der Ansicht sind, daß nach dem Kündigungsschutzgesetz jüngere Arbeitnehmer
vorrangig zu kündigen gewesen wären (wie dies gerade im Geschäftsbereich ICM geschieht).
Wir haben in unseren gerichtlichen Verfahren die Erfahrung machen müssen,
dass wir von den Prozeßbevollmächtigten dequalifiziert werden. Wir haben gelernt damit zu leben.
Wir haben auch die Erfahrung machen müssen, wie von den Prozessbevollmächtigten und den
Personalverantwortlichen die Wahrheit gequält wurde. Wenn beispielsweise Hr.Ganswindt
in der Financial Times Deutschland vom 2.7.03 veröffentlicht,
bis Ende September werde man beim ICN wieder schwarze Zahlen schreiben
(was sich mittlerweile ja auch bestätigt hat), dann kommentierten dies
der Prozessbevollmächtigte Hr.Bayer und Hr.Bartsch (PA) am 6.8.03 vor dem Landesarbeitsgericht,
das sei "ja nur an die Analysten gerichtet" gewesen.
Das Bild, das durch ein solches Verhalten über die Siemens AG entsteht, ist katastrophal.
Genauso fahrlässig ist der Umgang mit der Wahrheit bei den Kündigungsschutzprozessen.
Wenn beispielsweise zum Thema Sozialvergleich behauptet wird,
eine (nach 24 Siemens-Jahren !) betriebsbedingt gekündigte Assistentin
sei die einzige ihrer Art im Betrieb (mit immerhin damals noch ca. 12000 Mitarbeitern...),
deshalb habe man sie auch nicht mit anderen, jüngeren Kolleginnen vergleichen können.
Oder wenn behauptet wird, um die Aufgabe eines jüngeren Arbeitskollegen übernehmen zu
können, müsste man erst fünf Jahre (!) eingearbeitet werden.
Deshalb verwundert es auch nicht, daß z.B. bei einer Berufung zur Weiterbeschäftigungsverfügung
am 3.9.03 ein Richter des Landesarbeitsgerichts im Kontext mit der Betriebsrats-Anhörung
die Siemens-Vertreter ermahnte, sich an die Wahrheitspflicht zu erinnern,
da man andernfalls mit dem Strafrecht in Berührung kommen könne.
Dass mittlerweile von der Siemens AG schon 48 Kündigungsschutz-Hauptsacheverfahren verloren wurden
(gewonnen hat Siemens noch kein einziges), dokumentiert wohl auch deutlich,
dass bei diesen Kündigungen rechtswidrig vorgegangen und geltendes Arbeitsrecht missachtet wurde.
Warum erfolgt dann immer noch keine Kurskorrektur? Respektieren wir bei Siemens
geltendes Arbeitsrecht neuerdings nur noch, nachdem wir dazu in allen Instanzen
(und in der damit verbundenen Öffentlichkeit) rechtskräftig verurteilt wurden?
Stattdessen wurde nun auch noch Kollegin Inken Wanzek fristlos gekündigt, nur weil ihr unterstellt wurde,
in einer privaten Email über den Suizid einer vom Personalabbau betroffenen Kollegin berichtet zu haben.
Das alles bedeutet zugleich auch eine verantwortungslose Geldvernichtung,
denn sowohl die verlorenen Prozesse und die Weiterbeschäftigung, als auch die Freistellung der
Gekündigten und der Arbeitsentzug (tlw. auch für noch nicht Gekündigte) und die unproduktive
Konzentrierung der Gekündigten in Zielstattstraße und Rupert-Mayer-Straße kosten - zig Millionen.
Das ist UNSER Geld, das da so locker ausgegeben wird!
Kein mittelständischer Unternehmer würde Geld für aussichtslose Prozesse verschwenden,
und ein Siemens-Manager würde das sicherlich auch nicht tun,
wenn für jeden verlorenen Prozeß seine Erfolgsbeteiligung deutlich gekürzt würde.
Besonders deutlich fällt diese Geldvernichtung bei den Eilverfahren zur Weiterbeschäftigung nach
§102 BetrVG auf, wo die Firma vor allen Kammern in allen Instanzen nur noch verliert, voraussehbar
verliert (die 38 Kammern entscheiden homogen; bisher hat Siemens schon 270 Verfahren verloren),
und trotzdem das ganze kostspielige Programm weiter voll durchzieht, ohne jede Aussicht auf Erfolg.
Wie nachhaltig schädlich das alles auch für unser Firmenimage ist, dokumentieren einige Zitate:
Richter sprachen schon von "Amoklauf des Managements" und "Kündigungen im Blindflug",
angesichts der vielen offenen Stellen und der überhaupt nicht erfolgten betriebsweiten
Sozialauswahl (übrigens steht in vielen Kündigungsbegehren sogar schwarz auf weiß,
dass man keine Sozialauswahl getroffen hat;
ein Richter sprach in diesem Kontext von "prozessualem Suizid").
Das Fazit: Die Aktionäre und die Gerichte werden hinter's Licht geführt,
das Geld der Aktionäre mit vollen Händen zum Fenster hinausgeworfen,
das Betriebsklima und die Produktivität nachhaltig geschädigt,
und unser Firmenimage in der Öffentlichkeit geradezu ruiniert.
Und unsere Existenzen werden gefährdet.
Wie verträgt sich dieses Verhalten des Siemens-Managements mit der
"Corporate Governance" und unserem Unternehmens-Leitbild ("gesellschaftliche Verantwortung") ?
Es ist für uns nicht nachvollziehbar, warum rund 200 Mitarbeitern nach durchschnittlich
20 Siemens-Jahren nicht ein einziges Job-Angebot im Siemens-Konzern unterbreitet wurde,
bevor man ihnen gekündigt hat (und das ohne Sozialauswahl),
trotz weit über 1000 offener Stellen in Deutschland.
Bitte greifen Sie jetzt ein: Diese Kündigungen sollten freiwillig zurückgezogen werden,
bevor Siemens noch mehr Prozesse verliert. Mit Rücksicht auf die öffentliche Wirkung
sollte dies noch deutlich vor der nächsten Hauptversammlung erfolgen.
Der Personalabbau bei ICN läßt sich auch durch konzerninterne Versetzung auf geeignete
(gleichwertige und zumutbare) in Deutschland ausgeschriebene Siemens-Stellen realisieren
(wie z.B. im Mai 2002 mit Versetzungen zu Siemens VDO schon einmal erfolgreich
zusammen mit dem Betriebsrat durchgeführt).
Und auch die Isolierung unerwünschter älterer Kollegen, Jubilare und Schwerbehinderter in eigenen,
vom Hauptstandort getrennten Gebäuden wie der Zielstattstraße (Mch-H)
sowie die Zuteilung von "Alibi-Jobs" anstelle von echten ausgeschriebenen Stellen kostet unser Geld
und ist nicht gerade ein anständiger Umgang mit langjährigen loyalen Mitarbeitern:
Bitte beenden Sie dies. Helfen Sie als Kontrollorgan dem Vorstand aus dieser Sackgasse.
Die Produktivität im Betrieb kann nur wiederhergestellt werden,
wenn endlich wieder Betriebsfrieden einkehrt. Das setzt voraus, daß die illegalen Massenentlassungen
ohne Sozialauswahl und Inkens Wanzeks Entlassung zurückgenommen werden
und auch Kasernierungsaktionen wie Zielstattstraße, Greifswald oder Flughafen München aufhören.
Dazu gehört auch, daß die nicht Gekündigten ihr Vertrauen in einen anständigen gesetzestreuen
Arbeitgeber wieder finden. Es muß jetzt endlich Schluss sein mit diesem Krieg
gegen die eigene Belegschaft. Es reicht!
Mit vorzüglicher Hochachtung
NCI, das Siemens Mitarbeiternetz
EMail: info@nci-net.de