Brief an den Bundespräsidenten
(gesendet am 18.11.03)






Betreff: Entlassungen trotz Gewinnen - Siemens Mitarbeiter bitten um Gehör


Sehr geehrter Herr Bundespräsident,

in Ihrem aktuellen Interview, Süddeutsche Zeitung, 15.11.2003, sagen Sie:

"Es macht mich wütend, wenn diese (Unternehmen) auf Pressekonferenzen das beste Ergebnis ihrer Firmengeschichte bekannt geben - und gleichzeitig weitere Entlassungen."

Uns, die wir vom Stellenabbau bei Siemens in München betroffen sind, macht es noch sehr viel wütender, dass diese Unternehmen auch noch staatliche "Beihilfen" in Millionenhöhe für die Entsorgung älterer Mitarbeiter erhalten. Hierzu bedienen sich internationale Großkonzerne den Regelungen nach §§ 175 ff. SGB III (betriebsorganisatorisch eigenständige Einheit), die eigentlich für in Not geratene Betriebe gedacht sind.

Mit den eingesetzten Steuergeldern hilft die deutsche Regierung den Konzernen auf bequeme Weise Mitarbeiter zu entsorgen und die Bilanzen weiter zu verbessern, während dem kleinen Mann der letzten Cent aus der Tasche gezogen wird.

Hinzu kommt, dass Mitarbeiter, von denen Siemens sich nicht durch Kündigung trennen kann, isoliert und viele seit nunmehr 1 Jahr ohne Arbeit gelassen werden, darunter viele langjährige Mitarbeiter und Schwerbehinderte. Mitarbeiter, die ihren Kündigungsschutzprozess gewonnen haben, werden ebenfalls nicht integriert, sondern separiert.

Mitarbeiter, die sich in unserem Solidaritäts-Netzwerk NCI ehrenamtlich für andere Kollegen einsetzen, sie über ihre Rechte aufklären und sie emotional unterstützen, müssen mit fristloser Kündigung rechnen, wie im Fall Inken Wanzek am 27.10.03 geschehen. Angesichts dieser Geschehnisse ist es uns nicht mehr möglich unsere Meinung frei zu äußern.
Wir fürchten um die Grundrechte in unserem freiheitlichen demokratischen Staat.

Es steht in Ihrer Macht, dies zu verändern.
Für weitere Informationen stehen wir gerne zur Verfügung.

Mit freundlichem Gruß,
Das Mitarbeiternetz NCI, das private Netzwerk, der vom Stellenabbau betroffenen Siemens Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter