Interview
mit einem Jubilar der Siemens AG,
nicht
gekündigt,
aber
im Direct Placement
Die Direct Placement (DP) Abteilung von
Siemens in der Hofmannstraße wurde eigens für Jubilare, die gekündigt werden
sollten, eingerichtet. Aufgabe dieser Abteilung ist, ähnlich der beE,
Unterstützung bei Bewerbungen und Jobsuche. Nach einer Gesamtbetriebsvereinbarung
der Siemens AG können Jubilare nur dann betriebsbedingt gekündigt werden, wenn
sie einen von der Firma angebotenen zumutbaren und gleichwertigen Arbeitsplatz
abgelehnt habe. NCI wollte wissen, wie ernst es der Firma mit diesem
Arbeitsplatzangebot ist und sprach mit einem Jubilar aus dem Direct Placement.
NCI
Sie sind seit über 25 Jahren bei der Firma Siemens beschäftigt und für
Sie lag ein Kündigungsbegehren beim Betriebsrat Mch H vor. Jubilaren wie Ihnen
kündigte die Firma nach Verhandlungen mit dem Betriebsrat und Gesamtbetriebsrat
schließlich doch nicht. Wie geht es Ihnen heute?
Dirk (Name von der Redaktion geändert)
Uns geht es den Umständen entsprechend. Uns ist klar, dass die Siemens
AG uns nicht mehr will, und nun vor der Frage steht: Wie wird sie uns, die
Jubilare, am besten los. So wurden wir zusammengefasst in einer Abteilung, die
sich Direct Placement – abgekürzt DP – nennt. Die Direct Placement Abteilung
kann man mit einem großen Warteraum an einem Bahnhof vergleichen, nur dass wir
noch nicht wissen, wohin wir fahren werden. Es ist ein bisschen wie eine Reise
nach Nirgendwo; und das ist auch die Empfindung, die ich habe. Man weiß eben
nicht was die Zukunft bringt; nichts ist planbar.
NCI
Sie sind aktiv in der Jubilarsgruppe von NCI. Inwieweit hilft ihnen
diese?
Dirk
Die Gruppe hilft
mir sehr, denn es ist gut, sich mit Menschen auszutauschen, die in der gleichen
Situation sind. Das macht das „Nirgendwo“ erträglicher. Außerdem tauschen wir
nützliche Informationen aus.
NCI
Wie gehen Ihre ehemaligen Kollegen und Vorgesetzten damit um, dass Sie
nun in der DP Abteilung gelandet sind?
Dirk
Die Absonderung der
DP´ler von ihren Kolleginnen und Kollegen, die noch ungekündigt sind, hat
sicher einige interessanten Aspekte. Auf der einen Seite sind sie (endlich) aus
dem täglichen Betrieb entfernt und nicht mehr unangenehm auffällig. Viele
Vorgesetzte können aufatmen, für sie ist das Problem damit gelöst, weil ins
Unsichtbare verschoben. Einen Rückweg, das hat ihnen Dr. Bellmann versprochen,
wird es nicht geben.
Sie müssen also
auch keine Angst haben, dass sie sich für ihr Handeln nochmals rechtfertigen
müssen. Die ehemaligen Kollegen werden auch etwas ruhiger sein, denn auch für
sie war es sicher nicht besonders angenehm, mit denjenigen im selben Raum zu sitzen,
die ausgesondert wurden. Andererseits bringt die Zusammenführung aller
Betroffenen in der Tölzer Straße auch Vorteile für jeden Einzelnen. Es gibt
eine Basis der Zusammengehörigkeit, der Informationsaustausch unter den DP´lern
läuft, wie gesagt, recht gut.
NCI
Wie sieht der Alltag im Direct Placement aus?
Dirk
Zum Thema Direct Placement wollte ich mal einige Dinge ansprechen, von
denen ich glaube, dass sie einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich sein
sollten. Es gibt eine Menge Sonderregelungen, so z.B. die Arbeitszeit.
NCI
Bekannt ist, dass
die Jubilare Anwesenheitspflicht haben; es sei denn sie lassen sich davon
befreien. Die Direct Placement Abteilung ist von 8:30 bis 16 Uhr geöffnet.
Warum dieser feste Zeitrahmen, der ja eigentlich abweicht von der gängigen
Gleitzeitregelung am Standort Hofmannstraße?
Dirk
Ja, es ist richtig,
dass die geltende Betriebsvereinbarung, die den Zutritt der Siemens Mitarbeiter
zum Standort regelt, bewusst nicht eingehalten wird. Dies wird damit begründet,
dass die Räume nicht ohne die Anwesenheit eines Vertreters der
Personalabteilung zugänglich sein können, da sich in diesen Räumen PCs
befinden. In allen anderen Räumen am Standort funktioniert das ja auch anders,
warum also nicht im DP?. Die Einrichtungen in der Tölzer Straße würden sehr
wohl einen individuellen Zugang zu den Räumen erlauben, die notwendigen
Einrichtungen - Pförtner, Ausweisleser an den Türen, Schlüsselkasten - sind
vorhanden und könnten problemlos aktiviert werden. Statt dessen müssen
diejenigen Kolleginnen und Kollegen, die vor 8:30 Uhr kommen - weil sie
vielleicht Fahrgemeinschaften haben oder aber Kinder zur Schule bringen - in
einer Abstellkammer warten, bis die Aufseher die Türen aufsperren.
Wer aber
andererseits den Arbeitsplatz in der Tölzer Straße verlassen möchte (z. B. um
sich zu bewerben), der muss sich schriftlich abmelden, wenn er sich nicht von
der Anwesenheitspflicht hat befreien lassen.
NCI
Warum haben Sie
sich nicht von der Anwesenheitspflicht befreien lassen?
Dirk
Ich fürchte
Nachteile, denn es hat seit der Kündigungswelle bisher immer Nachteile gegeben,
wenn man sich auf ein Angebot der Firma einließ. Außerdem habe ich Angst, dass
ich dann in einen Schlendrian reinkomme.
NCI
Wie sieht es in der
Direct Placement Abteilung aus? Hat dort jeder einen ganz normalen
Arbeitsplatz?
Dirk
Nein, es stehen nur
wenige PCs für alle zur Verfügung, PC-Zeiten muss man per Liste beantragen. Es
kommt laufend zu Engpässen, das gleiche gilt für die Telefone, auch deren Zahl
ist zu gering bemessen. Zudem hat man kaum die Möglichkeit, auch mal ein etwas
privateres Gespräch wie z. B. über Bewerbungen zu führen. Weiteres
Arbeitsmaterial fehlt vollständig bzw. muss bei Bedarf von zuhause mitgebracht
werden.
Unter diesen
Randbedingungen gute Bewerbungen zu verfassen ist beinahe unmöglich,
andererseits ist man aber auf die vorhandenen PCs angewiesen, da nur dort der
Zugang zum HRM (Anmerkung der Redaktion: Human Ressource Market) gegeben
ist. Die Mail ist sehr instabil und fällt immer mal wieder aus, teilweise
können einzelne Kollegen auch tageweise nicht auf ihre Mail zugreifen. Die
Fehlerbehandlung durch SBS ist äußerst schleppend.
NCI
Hauptaufgabe in
Direct Place ist ja die Vermittlung auf einen anderen Arbeitsplatz. Jubilare
dürfen nach einer Gesamtbetriebsvereinbarung erst betriebsbedingt gekündigt
werden, wenn sie einen angebotenen zumutbaren Arbeitsplatz abgelehnt haben. Wie
läuft es mit dieser Vermittlung in DP?
Dirk
Auch wenn nach
außen hin immer wieder versucht wird, den Eindruck zu erwecken, als liefe alles
prima und die Stellenvermittlung laufe auf Hochtouren, die Realität sieht etwas
anders aus: Bisher gab es nur wenige Stellenangebote, von diesen Stellen waren
viele gar nicht (mehr) zu besetzen bzw. die Profile der Bewerber passten nicht.
Bei vielen Angeboten gab es keine erkennbare Übereinstimmung zwischen den
Anforderungen der zu besetzenden Stelle und dem Profil des zu vermittelnden
Kollegen. Teilweise hat man den Eindruck, dass bewusst schlampig gearbeitet
wurde, in einigen Telefongesprächen zeigte sich, dass die aufnehmenden
Organisationen die Profile erst gar nicht gelesen
hatten. Diese
müssen wohl nur ihre (von Herrn v. Pierer auferlegte) Pflicht erfüllen. Konkrete
Bewerbungsgespräche wurden bisher kaum geführt. Das hat auch zu einer massiven
Verärgerung der DP´ler geführt, die Betreuerinnen versuchen uns jetzt etwas zu
beruhigen, indem sie uns per Mail mitteilen. Ich les’ mal vor:
„Wie ich aus Ihren Äußerungen heraushöre, haben Sie derzeit den
Eindruck, dass sich hier in der Tölzer Straße bzw. im Direct Placement sehr
wenig bewegt. Ich möchte Ihnen aber versichern, dass wir, also das DP-Team,
weiterhin kräftig auf der Job-Suche für Sie sind. Nach den Osterferien werden
wir wieder eine gemeinsame Informationsveranstaltung organisieren und Sie damit
auf den neuesten Stand bringen. Den genauen Termin erhalten Sie rechtzeitig in
einer gesonderten Einladung.“
Jedoch die Präsenz
des DP-Teams in der Tölzer Straße ist ganz merklich zurückgegangen:
Zwischenzeitlich sieht man nur noch zwei Teammitglieder des Betreuerteams,
allen anderen ist die Anwesenheit wohl immer mehr peinlich, wer lässt sich
schon gerne immer wieder fragen, wann neue Angebote kommen, wenn man nichts
konkretes hat? Die psychische Belastung ist für die DP´ler enorm, aber auch das
noch verbliebene Betreuungsteam ist
stark angeschlagen.
NCI
Was
meinen Sie, was nach dem 30.06 passiert, da soll die DP Abteilung ja
geschlossen werden.
Dirk
Was nach dem 30.
06. ,dem offiziellen Endtermin von DP, passiert, darüber gibt es keine
Aussagen.
Aber man
könnte mal folgende Vermutung aufstellen: Die ganze Inszenierung findet nur
statt, um Herrn v. Pierer zu täuschen (dieser wollte ausdrücklich, dass die Jubilare
vermittelt werden und nicht gekündigt!). Also wird DP veranstaltet und nach
außen (sprich Richtung Wittelsbacher Platz) wird es so verkauft, dass man sich
bemüht hat und die ganze Sache an den renitenten Jubilaren gescheitert ist.
Dann wird auch Herr v. Pierer zustimmen, die Kündigungen zu verteilen! Seine Vorgaben
wurden ja erfüllt.
NCI
Glauben Sie dass
Heinrich v. Pierer hinter den Jubilaren steht?
Dirk
Nein, ich weiß es
nicht; die Siemens AG muss uns ja eine – zumutbare und gleichwertige - Stelle
anbieten.
NCI
Den Jubilaren wird
von manchen Seiten vorgeworfen, sie würden sich zu sehr an Mch H oder gar an
ihren alten Arbeitsplatz klammern. Wie sehen Sie das?
Dirk
Die
meisten DP´ler sind sich ihrer Situation bestens bewusst, ihnen ist
durchaus klar, dass sie einen Job außerhalb ICN suchen müssen und sie tun
dieses auch. Aber was noch vor einigen Wochen möglich war, ist jetzt nochmals
deutlich erschwert worden. Z. B. durch eine Organisationsbezeichnung, die
deutlich macht: hier bewirbt sich ein bei ICN ausgesonderter Mitarbeiter. Ob
dies Absicht bei der Gründung von DP oder nur Unfähigkeit war, darüber kann man
spekulieren. Tatsache ist, dass durch die rudimentäre Versorgung der DP´ler mit
Telefon und PC-Anschluss die Eigeninitiative erheblich erschwert wurde.
NCI
Vielen Dank für das
Gespräch.
(jp)