Siemens sperrt 4000 Mitarbeiter aus und setzt auf Zensur
Sperrung der NCI Homepage
Mitwoch, 26.07.06
Nach drei Jahren und 5 Monaten scheint sich Siemens NCI geschlagen zu geben. Dem
Siemens Management fehlen offensichtlich die Worte, die Mitarbeiter zu motivieren und sie von ihrer
Strategie und ihren Zukunftsplänen zu überzeugen. Dieser mangelnden Überzeugungskraft
begegnet Siemens mit der Sperrung der NCI-Homepage. Mit dieser Sperrung glaubt Siemens
die 3000 bis 4000 Mitarbeiter, die Tag für Tag auf unsere Homepage zugreifen, von
für sie relevanter Information aussperren zu können.
Wir können Siemens nicht daran hindern, die NCI Homepage in ihren Betrieben zu sperren.
Siemens gesteht damit jedoch indirekt, das erste Mal offiziell ein, dass wir eine sehr
gute Aufklärungsarbeit leisten, dass unsere Berichterstattung, den Mitarbeitern in
ihren Entscheidungsprozessen hilft. Siemens hat lediglich eine etwas eigenwillige Art,
dieses Lob auszusprechen.
Zensiert zu werden, bedeutetet in der Geschichte stets, etwas zu sagen zu haben, von
dem die Mächtigen glauben, in ihrer Macht und in ihrem Einfluss bedroht zu sein.
"Zensur (censura) ist ein Verfahren eines Staates bzw. einer einflussreichen
Organisation oder eines Vertreters davon, um durch Medien vermittelte Inhalte zu
kontrollieren, unerwünschte Aussagen zu unterdrücken bzw. dafür zu sorgen, dass nur
erwünschte Aussagen in Umlauf kommen. ..." (Wikipedia)
Zensur ist immer ein Eingeständnis von Schwäche und eine Missachtung demokratischer
Grundregeln im eigenen Hoheitsbereich. So wurden beispielsweise Bert Brecht, Heinrich
Heine, Erich Kästner, Klaus Mann, Heinrich Mann, Stefan Zweig zensiert, alles
Schriftsteller, die sich kritisch mit dem Geschehen ihrer Zeit auseinander gesetzt
haben.
Die Zensur der NCI-Homepage ist eine kleine Hürde, die man einfach überspringen muss, in dem man auf
seinen PC zu Hause schaut. Wir werden das Recht auf Pressefreiheit
weiter wahrnehmen und im
Internet unsere Seite unverändert weiter betreiben. Unseren Dialog werden wir
verstärkt über E-Mails fortsetzen. Daran kann Siemens uns nicht hindern, denn wir leben
glücklicherweise in einem Land, in dem Demokratie und
freie Meinungsäußerung herrschen.
Wir sind sicher, dass unsere Leserschaft uns treu bleibt, weiterhin auf unserer
Homepage nachlesen und damit mit uns zusammen für die Verbreitung der Arbeitnehmerrechte,
für die Freiheit der Meinung und der
Presse (Atikel 5 GG) kämpfen wird.
"Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu
verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten.
Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film
werden gewährleistet.
Eine Zensur findet nicht statt."
Bei Siemens schon ...
(iw)
Fr, 07.07.06.
Dein Tun sei von dir, nicht von den Geschehnissen geleitet
(Indische Weisheit)
Diese Worte habe ich irgendwo gefunden und sie haben wir gut gefallen. Irgend wie fühlte
ich mich von ihnen angesprochen. Sie gaben mir das Gefühl, den unvermeidlichen Ereignissen,
die andere als solche definieren, nicht ausgeliefert zu sein.
Unvermeidlich ist der Markzwang, unvermeidlich ist daher der Stellenabbau, mit dem wir
wieder konfrontiert sind. Unvermeidlich sind die Geschehnisse, die jedes Jahr auf das neue
auf uns zurollen. Unvermeidlich sind die Folgen, das mal wieder hunderte von Kollegen gehen
sollen. Doch an diesem Punkt habe ich für mich gesagt: Stopp! Diese Unvermeidlichkeit, die
Firmen wie Siemens, Lucent, Alcatel, Nokia, mir aufdrängen wollen, akzeptiere ich nicht.
Es ist eine ganz persönliche Entscheidung.
Doch diese persönliche Entscheidung hat bewirkt, dass ich begonnen habe, nach Wegen zu suchen,
nach Wegen, die es mir und anderen ermöglichen zu agieren, nicht zu reagieren, wie ein Kollege
heute schrieb. Er wollte auch nicht von den Geschehnissen geleitet werden, sondern seine Situation selbst in die Hand nehmen. Und da er dazu noch etwas wissen wollte, hat er bei uns angefragt.
Das Erstaunliche bei den Worten: "Dein Tun sei von dir, nicht von den Geschehnissen geleitet" ist,
dass man plötzlich ruhiger wird, wenn man wütend war, dass man Hoffnung schöpft, wenn man
deprimiert war, das man Kraft findet, wo das Gefühl herrschte, da kann ich eh nichts tun.
Man spürt plötzlich, dass es wieder einen Boden gibt, auf dem man stehen kann, dass es den
unvermeidlichen Geschehnissen nicht wirklich gelang, ihn wegzuziehen. Und wenn man diese
erstaunlichen Erfahrungen dem Kollegen erzählt, der neben einem steht, dann ist es nicht
unwahrscheinlich, dass er ganz erstaunt sagt. Mir geht es genauso. Ich hätte nie gedacht,
dass es auch dir so geht.
"Dein Tun sei von dir, nicht von den Geschehnissen geleitet." gibt mir jedenfalls das Gefühl,
dass die Entscheidungen über mein Leben bei mir und nicht bei zufälligen Geschehnissen liegen.
Und dieses Gefühl finde ich gut. Man braucht gar nicht so viel Mut, sich darauf einzulassen.
(iw)
Fr, 07.07.06: Verwirrung - wo man hinsieht
Siemens hat es mal wieder geschafft. Die Mitarbeiter sind total verwirrt und verunsichert.
Zuerst wird ein Betriebsübergang zu Nokia Siemens Networks angekündigt und als historischer
Deal vorgestellt. Betriebsübergang zum 01.01.07. Das schlechteste ist das nicht haben viele
gesagt, doch dann kam der Hammer. Kaum war das Wort Nokia Siemens Networks ausgesprochen
wurde den Aktionären schon versprochen 10 bis 15 Prozent der Stellen einer Firma, die es
noch nicht einmal gibt, abzubauen.
Die nächste Verwirrung: Welche Produkte fallen den Synergieeffekten zum Opfer? Weiß man noch
nicht so genau, heißt es, dies prüfen gerade irgend welche Expertenteams. Termindruck im Alltag.
Das muss unbedingt heute fertig werden, ein Produkt, das es morgen vielleicht gar nicht mehr gibt? Das einzige was man weiß: Stellenabbau und höchste Motivation der Mitarbeiter ist erforderlich. Das Management verschwendet nicht einen Gedanken, wie das alles unter einen Hut zu bringen ist. Ist ja auch nicht so wichtig. Klaus Kleinfeld hat gesagt, der Deal ist historisch. Das muss wohl reichen.
Dann kam fast zeitgleich die Meldung für Enterprise. Ihr werdet auch verkauft, nur an wen
wissen wir nicht, verbunden mit der beschwichtigenden Zusage, wir suchen ein Unternehmen
mit Zukunft. Aus der Presse bzw. übers NCI erfahren die Mitarbeiter dann, dass es Avaya
oder Nortel sein könnte und in diesem Konjunktiv leben die Enterprise Mitarbeiter seit
dem, stark verunsichert und beunruhigt, was aus ihnen werden wird. Und um die Beunruhigung
zu krönen wird gesagt, ihr werdet zwischengelagert.
Kaum hatten die Mitarbeiter begriffen, dass sie nach NoSiNet ausgelagert werden, kommt die
Meldung auch Com Carrier wird zwischen gelagert, damit ein Klaus Kleinfeld beide ungeliebten
Bereiche nicht mehr in das neue Geschäftsjahr mitführen muss und sich als glänzender
Problemlöser auf der Siemens Hauptversammlung 2007 feiern lassen kann. Doch gleicht er
nicht eher einem Problemlöser, der die Probleme einfach unter den Teppich kehrt?
Dann kam Schlag auf Schlag, eigentlich so zwischendrin, wohl dem Trägheitsgesetz des
Stellenabbaus folgend, der einmal im Rollen nicht den gegebenen Umständen anzupassen ist,
ein IA/SP auf den Tisch, dem man es ansieht, dass er vor dem bekannt werden der diversen
Betriebsübergänge zusammengeschustert wurde. Die Folge, der IA/SP steckt voller Fehler,
die Daten in diesem IA/SP stimmen mit der realen Entwicklung nicht überein. Man hatte
sich nicht die Mühe gemacht ihn anzupassen. Wozu auch. Es geht ja nur um Mitarbeiter.
Verwirrung. Wann kann man in die beE wechseln? Wo ist die angesiedelt? Eigentlich will
ich gar nicht in die beE. Und letztlich kommt die Haltung heraus: Ihr könnt mich mal -
was in dieser Situation nicht die Schlechteste ist.
(iw)
Do, 06.07.06: Break-Out-Session
Vorgestern las ich mal wieder (ich kann es einfach nicht lassen) in Klaus Kleinfelds Blog.
Da stand es, das Wort Break-Out-Session. Beeindruckend klingt das, man muss es sich einmal
richtig genießerisch auf der Zunge zergehen lassen wie ein leckeres Eis: "Break-Out-Session".
Das musste ich genauer wissen. Warum machen wir das nicht in unserer Abteilung und was ist
das überhaupt? Haben wir etwas verpasst, sind wir etwa nicht up-to-date, nicht innovativ genug?
Wir müssen das Thema proaktiv angehen, damit wir mit der Konkurrenz mithalten können.
Die Kollegen waren genauso unwissend wie ich, keiner hatte schon einmal etwas von einer
"Break-Out-Session" gehört. So befragte ich die Wikipedia, aber diese musste passen, obwohl
mein Freund google 144.000 Treffer für "Break-Out-Session" meldete. Keine Panik dachte ich
und sah im leo (www.leo.org) nach. Break out - Ausbruch, session - Sitzung, eine Ausbruchsitzung
also. Merkwürdig. Wer bricht aus, von wo und warum?
Ich fragte, als wir unsere Besprechung abhielten, ob das jetzt eine "Break-Out-Session" wäre.
Keiner wusste es. Ich ging nach Hause und grübelte die halbe Nacht - Selbst das Fußballspiel
konnte mich nur kurz ablenken. Am nächsten Morgen ließ mich auch noch das Oxford English
Dictionary im Stich. Also setzte ich einen Denglisch-Spezialisten darauf an. Der schaute
erstaunt, das Wort hatte selbst er noch nicht gehört.
Ich war nahe dran, direkt bei KCK nachzufragen, als mich endlich die erlösende E-Mail erreichte:
"Break-Out-Sessions" sind meist parallel zu einer Tagung stattfindende Vorträge bzw.
Workshops, in denen sich die Teilnehmer der Tagung zu Schwerpunktthemen, je nach
persönlichem Interesse, informieren können.
Also nur Schaumschlägerei - wir machen das doch dauernd - "Break-Out-Sessions". Nur gut,
dass wir jetzt auch wissen, wie es heißt.
Es grüßt Euch Euer Bartolomäus Bissig
So, 02.07.06: Heribert-Fieber-Gedächtnis-Preis
Ich möchte mich bei Euch bedanken für die Verleihung des Heribert-Fieber-Gedächtnis-Preises.
Einen schöneren Preis hättet Ihr mir gar nicht verleihen können.
Schön finde ich, dass ihr ihn nicht nur mir, sondern auch meinen Mitstreitern verliehen
habt. Und hier möchte ich insbesondere Christine Rosenboom nennen, die sich mit viel
Kompetenz, Einsatz und Mut für NCI engagiert.
Mich persönlich und viele der damaligen Kollegen hat die Betriebsratsarbeit von
Heribert Fieber überzeugt. Wichtig war ihm, seiner Belegschaft, wie er oft sagte, zu
helfen, ihnen Wissen zu vermitteln, damit sie sich besser in dem rätselhaften Urwald
orientieren können, in dem der Arbeitgeber die Belegschaft seit 2002 immer wieder
aussetzt.
Es war ihm wichtig, sein Amt als Betriebsratsvorsitzender in den Dienst der Belegschaft
zu stellen. Und das tat er mit großem Engagement und viel Mut. Seine Haltung war bei
all den schwierigen Verhandlungen immer klar: Er stand auf der Seite der Belegschaft und
beugte sich nicht den angeblichen Sachzwängen oder dem Diktat des Arbeitgebers. Er wollte,
dass wir alle verstehen, was er tat und warum er es tat. Er selbst wollte verstehen,
was uns bewegt. Und deshalb suchte er die offene Kommunikation und Information.
Viele bedauern, dass er nicht mehr in München Hofmannstraße ist. Heute gibt er sein
Wissen anderen Arbeitnehmern und Betriebsräten weiter. Es liegt nun an uns allen, was
wir aus dem, was er uns gelehrt hat, machen. Meine persönliche Intention ist es, dieses
Erbe zu bewahren und fortzuführen. Die Verleihung des Heribert-Fieber-Gedächtnis-Preises
motiviert uns, unsere Arbeit fortzusetzen und zeigt uns, dass wir auf dem richtigen Weg
sind.
Eure Inken
Sa, 24.06.06: Modell beE 2006 und Zubehör gerade im Test
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
für einen kurzen Augenblick stehen keine Neuigkeiten auf der Homepage, obwohl es Euch
unter den Nägeln brennt. Aber wir müssen zunächst umfangreiches
Material sichten und die daraus gewonnenen Erkenntnisse zueinander in Beziehung setzen.
Dazu brauchen selbst wir ein bisschen Zeit. Aber ihr hört ganz bald wieder von uns.
Wir schweigen nicht und lassen Euch auf keinen Fall im Stich.

Eins bleibt unverändert:
Angebote von Staubsaugervertretern muss man sorgfältig prüfen.
Vor allem muss man sich klar werden, ob man das Modell beE 2006* überhaupt braucht.
Zu Staubsaugervertretern kann man "Nein" sagen, auch wenn sie dauernd wieder anläuten
und so freundlich aussehen wie unser Tukki.
Wer mehr über Staubsaugervertreter und wie sie arbeiten wissen will,
der klicke
hier
*Das Kleingedruckte:
Allerdings müssen wir zugeben, dass hier noch die Modelle 2005 vorgeführt werden. Aber
das tut der Präsentation keinen Abbruch, da sie sich kaum unterscheiden. Wir bitten den
geneigten Leser daher sich einfach 2006 statt 2005 zu denken und schon ist er Up-to-date.
(iw/cr)
Mi, 21.06.06: Das sind schlechte Zeiten, wo der Mensch seiner Angst nicht nachgeben darf. (B. Brecht)
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
wie wir an den E-Mails an NCI sehen können, herrscht große Unruhe und Unsicherheit
im Betrieb über die Auslagerung wesentlicher Teile von Com zu Nokia Siemens Networks.
Die einen sind beunruhigt über den Betriebsübergang, die anderen stellen sich die
bange Frage: Was wird aus uns, die wir nicht dazu gehören, wenn wesentliche Teile
von Com ausgelagert werden?
Diese Sorgen sind angesichts der Vergangenheit, der vielen nicht eingelösten
Versprechen des Managements mehr als verständlich. Sagte Klaus Kleinfeld noch im
Sommer 2004 "Das Geschäft mit den Mobiltelefonen sei für Siemens und die
Telekommunikationssparte des Konzerns unverzichtbar." Im Sommer 2005 wurde dann die
Handy Sparte an BenQ verkauft. Noch im Februar 2006 behauptete Kleinfeld angesichts
der Spekulationen in der Presse über einen möglichen Verkauf von Com: "Ich habe
nicht vor, Com zu verkaufen". Vier Monate später ist Com praktisch verkauft und die
Siemens AG hat den Ausstieg aus der Telekommunikation eingeleitet.
Alle waren wohl überrascht von dieser Entscheidung, die so lapidar per E-Mail in den
PC der Mitarbeiter flatterte. Das was als Information gedacht war, wirkte wie ein
Schock. "Als ich in der Früh durch den Flur ging, fiel mir auf, dass in allen Räumen,
zu denen die Tür offen, stand große Hektik herrschte. Wusste jedoch noch nicht warum.
Das war gerade zu der Zeit als die Kleinfeld-Email bei uns so der Reihe nach eintrudelte.",
schrieb eine Mitarbeiterin. In den Büros herrschte großes Durcheinander. Es wurde und wird
diskutiert, was das nun alles zu bedeuten hat. Ist es besser bei FN zu sein oder bei
MN? Bleibt überhaupt noch ein Stein auf dem anderen? Plötzlich sind alle betroffen,
Mitarbeiter wie Chefs. Der Stellenabbau, der diesem Betriebsübergang vorausgehen soll,
erscheint im anderen Licht.
Viele spüren das erste Mal, dass unternehmerische Entscheidungen keine Rücksicht
nehmen auf das eigene Bedürfnis nach einem sicheren Arbeitsplatz, dem routinemäßigen
Alltag, den man sich plötzlich zurück wünscht. Manche sind souverän, zumindest nach
außen, andere zeigen ihre Ängste.
Ein wenig spürt wohl jeder, dass die Ära Siemens für die Com Mitarbeiter zu Ende geht und
vielen stellt sich die Frage nach einer unbekannten und schlecht einzuschätzenden
Zukunft. Da helfen auch keine euphorischen Worte des Managements über einen Deal,
von dem die Mitarbeiter überrascht wurden wie von einem plötzlich aufkommenden Sturm.
Ohne Gefühl für die Menschen werden die Mitarbeiter mit Euphorie überschwemmt, diejenigen
als unwillig dargestellt, die es wagen ihre Bedenken zum Ausdruck zu bringen.
Gleichzeitig wird von einer Versetzungssperre gesprochen und so das Gefühl erzeugt,
in einer Situation gefangen zu sein, die man nicht wollte und aus der man sich
befreien will. Die Frage nach einem Widerspruch gegen diesen Betriebsübergang taucht
auf, gibt das Gefühl sich befreien zu können und so landet sie vielfach hier bei uns,
begleitet von der unterschwelligen Angst vor Kündigung im neuen Unternehmen und der
Frage wie das alles nun wirklich sei.
Darum, liebe Kolleginnen und Kollegen, dieser offene Brief an Euch.
Lasst uns gemeinsam die Gedanken sortieren, die Gefühle ordnen, Vor- und Nachteile
abwägen. Schritt für Schritt wollen wir das auf dieser Homepage tun. Stellt uns Eure
Fragen, redet über Eure Sorgen und Ängste. Fragen stellen, Antworten suchen, bekommen,
diskutieren, hilft, die unbekannte Situation begreifbar zu machen und verhindert die
Isolierung. Man sollte in einer solchen Situation nicht überstürzt handeln und
alleine bleiben. Ihr könnt sicher sein, dass wir Euch alles, was wir wissen
mitteilen.
Es liegt kein Grund zur Eile vor. Wir haben Zeit. Bitte keine übereilten Mails oder
gar Widersprüche an Siemens.
Wir bezeichnen NCI oft als ein großes stabiles Schiff, das schon viele Kolleginnen
und Kollegen durch manchen Sturm begleitet hat. Manche haben einen neuen Heimathafen
gefunden, den sie ohne NCI nicht gefunden hätten. Unser Schiff hat Platz für jeden,
der nicht gerne alleine über ein unbekanntes Meer treibt, egal, ob er oder sie vom
Betriebsübergang zu Nokia Siemens Network betroffen ist oder nicht.
Wir verstehen viel von der Seefahrt durch unbekannte Gewässer, haben gute Nautiker
und den Willen mit allen, die auf dem Schiff sind, in einen neuen sicheren
Hafen zukommen.
(iw)
Mi, 21.06.06: NSN - der Superlativ für alle?
"Ich bin absolut überzeugt davon, dass wir die bestmögliche Lösung für Kunden, Mitarbeiter
und Aktionäre geschaffen haben," sagte Klaus Kleinfeld auf der Pressekonferenz zum Nokia
Deal am 19.06.06.
Wir? Ist das der Plurale Majestatis? Weder Heinrich von Pierer noch Thomas Ganswindt haben
sich bisher (positiv) zu diesem Deal geäußert. Was ist denn deren Meinung dazu? Zumindest
mich hätte das schon interessiert.
Was bedeutet das Joint Venture für die COM-Mitarbeiter? Einen Meilenstein für unsere
Zukunft? Die Stimmung auf dem Com-All-Hands-Meeting in der Hofmannstraße war nicht so
positiv - mal abgesehen von zwei Begeisterten. Mehr habe ich nicht gezählt.
Der Abbau von 9000 Mitarbeitern, schon mal vorweg zugegeben, lässt nichts Gutes für unsere
Zukunft ahnen. Wie hoch ist die Zahl dann am Ende tatsächlich? In der Presse wurde bereits
über einen Abbau von 20% spekuliert. Analysten sprechen sogar von einem Abbaupotenzial
von 30 Prozent.
Die neue Firma geht mit geplanten Restrukturierungskosten von 1,5 Mrd. plus einem Darlehen
von 1 Mrd. (je die Hälfte von den Konzernmüttern stammend) an den Start. Synergieeffekte
sollen rund 1,5 Mrd. Euro in den nächsten vier Jahren erbringen. Davon entfallen 90 Prozent
auf die ersten beiden Jahre.
Wie war das damals beim enthusiastisch gefeierten Com-Merge mit den dort geplanten
Synergieeffekten? Irgendwie muss es an uns vorbeigegangen sein, dass diese tatsächlich
eingetreten sind. Wie auch immer, bevor NoSiNet in die schwarzen Zahlen kommt, müssen die
Mitarbeiter erstmal 2,5 Mrd. EUR erwirtschaften. Damit man die Größenordnung einschätzen
kann hier mal die Zahl mit sämtlichen Nullen: 2.500.000.000 EUR.
Einen Vorteil hat das Joint Venture vielleicht für die Carrier-Mitarbeiter. Unser
Siemens-Top-Management, das die ICN / ICM- und später Com-Sanierung nicht geschafft hat,
wird durch Management von Nokia ersetzt. Hoffen wir mal, dass dieses das Geschäft besser
beherrscht. Wenn Klaus Kleinfeld mit den Ausgliederungen bei Siemens in dem Tempo weitermacht,
wird irgendwann nichts mehr zu managen übrig bleiben. Was lernen wir daraus? Andere Firmen
werfen das Management raus, wenn es versagt. Bei Siemens macht man das umgekehrt.
"Ein solch großer Schritt für unser Unternehmen und unsere Mitarbeiter muss in seiner
positiven Auswirkung erklärt werden, denn er lädt auch zu negativen Interpretationen ein,
vor allem bei denjenigen, die nicht verstehen (wollen), dass dies eine herausragende
Gelegenheit ist, uns für die Zukunft zu stärken und Erfolg sicherzustellen." so Klaus
Kleinfeld in seinem Onlinetagebuch. Das erinnert, mit Verlaub gesagt, an das manipulative
rhetorische Stilmittel der vorauseilenden Diffamierung. Jeder, der sich zu diesem Joint
Venture also negativ äußert wird von vornherein als dumm abqualifiziert, weil er "nicht
verstehen will oder kann".
Aus Analysten-, Aktionärs- und Managersicht kann man diesen Deal sicher positiv bewerten,
Mitarbeiter können aber durchaus auch negative Seiten erkennen und sollten nicht zögern,
diese auch offen anzusprechen. Olli-Pekka Kallasvuo ist, wie er auf der Pressekonferenz
sagte, überzeugt von der hohen Qualifikation der Siemens Mitarbeiter. Dann sollte deren
Meinung auch Gehör finden.
Wenn Klaus Kleinfeld den Mitarbeitern garantiert, dass niemand die nächsten Jahre seinen Arbeitsplatz
verliert, dann, ja dann, wäre NoSiNet ein Superlativ für alle.
(Bartholomäus Bissig)
So, 18.06.06: Auf Jeden kommt es an!
Was man mit offener Kommunikation, Zusammenführung von Informationen, Einsatz von Know
How und systematischer Analyse verschiedenartigster Informationen, die von Euch stammen,
erreichen kann, zeigen die Erfolge von NCI der letzten drei Jahre.
Über die nackte Rechtslage können wir immer informieren, das ist kein Problem. Das
funktioniert auch ohne Information von Euch. Die Erfahrung zeigt, dass die abstrakte
Information über die Rechtslage für Eure Entscheidungen jedoch nicht genügt. Für Euch
lebendig und in der Praxis anwendbar werden Paragraphen erst, wenn Ihr uns über die
Vorgänge, Gerüchte, Versammlungen in Eurer Abteilung in E-Mails berichtet und Fragen
darüber stellt, was Euch noch unklar ist und was Euch beschäftigt. Wer erst aktiv wird,
wenn das Kind nicht nur in den Brunnen gefallen, sondern schon ertrunken ist, der hat
bereits verloren, daran kann keiner mehr etwas ändern.
Wie erfolgreich wir gemeinsam sein können, zeigen folgende Beispiele:
TietoEnator
Zurzeit wendet der Arbeitgeber das Mittel Betriebsübergang an, um Bereiche zu sanieren.
Vor etwa einem Jahr haben wir unsere Kollegen bei Com MD und CPE, jetzt BenQ bzw. SHC,
wie zuvor auch die Sinitec-Kollegen, die zur A&O übergegangen sind, über die Rechtsfolgen
eines Betriebsübergangs aufgeklärt und ihre persönliche Situation in E-Mails mit ihnen
diskutiert.
Im Fall von TietoEnator sind wir aufgrund von Nachfragen noch wesentlich weiter gegangen.
Wir haben die Entscheidungsgrundlagen angefangen mit Geschäftsmodell und Geschäftsentwicklung
bis hin zur Mitarbeiterentwicklung bei TietoEnator recherchiert und analysiert. Wir
erfuhren von der Geheimniskrämerei um die Protokollnotiz durch Mitteilung aufmerksamer
Kollegen. Wir konnten das Geheimnis aufdecken und veröffentlichten den Inhalt der Protokollnotiz.
Auf diese Weise konnten alle Betroffenen die eigentlich wichtigen Informationen bzgl.
dieses Betriebsübergangs nachlesen. Inzwischen haben die Kollegen die 3-jährige
Nicht-Kündigungsgarantie auch schriftlich erhalten.
Keine Kündigungen mehr nach Gutsherrenart
Durch das konsequente Ausschöpfen der rechtlichen Möglichkeiten (Kündigungsschutzklage,
Klage auf vertragsgemäße Beschäftigung usw.), verbunden mit solidarischem Handeln und
Öffentlichkeitsarbeit hat Siemens von weiteren betriebsbedingten Kündigungen und
systematischem Arbeitsentzug abgesehen. Damit haben die Mitarbeiter am Siemens Standort
Hofmannstraße erreicht, dass das Konzept "die Mitarbeiter werden es ohnehin nicht wagen
gegen einen Weltkonzern zu klagen" nicht aufgegangen ist. Kündigen nach Gutsherrenart
wurde kein Erfolgsmodell für Siemens.
Keine Sozialauswahlkriterien und betriebsbedingten Kündigungen bei Com FN
Beim Stellenabbau 2005 standen Auswahlrichtlinien im Raum.
Wir befürchteten, dass der Arbeitgeber, diese mit dem Betriebsrat vereinbaren wollte und
dass dafür die in der Betriebsvereinbarung vereinbarte Einigungsstelle vorgesehen war.
Durch die Vereinbarung strategischer Cluster (= Kombination aus Alters- und
Funktionsclustern) wäre es möglich gewesen, nahezu jeden Mitarbeiter gezielt
herauszufiltern und diesen auf die Kündigungsliste zu setzen. Mit der Folge, dass er
keine oder nur sehr geringe Chancen gehabt hätte, seinen Kündigungsschutzprozess zu
gewinnen. Durch unsere intensive Aufklärung machten wir den Mitarbeitern deutlich, dass
Sozialauswahlkriterien in einer Einigungsstelle nur mit Zustimmung des Betriebsrats zu
verhandeln sind.
Reintegration der Schwerbehinderten und Jubilare
Den nicht gekündigten Schwerbehinderten und Jubilaren wurde wie den Gekündigten 2002/03
die Arbeit entzogen. Ihnen drohten die Versetzung zum Airport und damit eine mögliche
Betriebsschließung. Dies wurde durch konsequentes und solidarisches Handeln und vor
allem durch eine massive Öffentlichkeitsarbeit verhindert. Die Abteilung PRA, in der sie
dann zusammengefasst wurden und über vorübergehende Projekteinsätze auf feste
Arbeitsplätze vermittelt werden sollten, ist aufgelöst. Sowohl die Schwerbehinderten
als auch die Jubilare sind wieder integriert worden.
Begleitung der gekündigten Kollegen durch ihre Kündigungsschutzprozesse und ihre Reintegration
Wir haben erreicht, dass alle Kollegen durchgehalten und ihre Kündigungsschutzprozesse in

erster und auch zweiter Instanz gewonnen haben. Durch gelebte Solidarität, Begleitung zu
den Arbeitsgerichtsprozessen und nicht zuletzt durch die Prozessberichterstattung wurde
dies erst ermöglicht. Wir haben erreicht, dass die LAG-Gewinner wieder auf einem
vergleichbaren Arbeitsplatz integriert wurden.
Aufhebung der Isolation
Durch intensive Gespräche, E-Mails und persönliche Treffen und auch durch Gruppentreffen
ist es uns gelungen zu verhindern, dass Kollegen isoliert und in Mobbing-Situationen
allein gelassen wurden. Viele Emotionen konnten auf diese Weise aufgefangen werden,
sodass keiner in dieser schwierigen Zeit verzweifeln musste.
Aufklärung der Kollegen über Arbeitnehmerrechte
In zahllosen Gesprächen haben wir Kollegen über Rechte der Arbeitnehmer in den
unterschiedlichsten Situationen aufgeklärt. Im Arbeitsrecht-ABC auf unserer Homepage
haben wir darüber hinaus zu allen Themen, die in den letzten drei Jahren akut geworden
sind, ausführliche und hilfreiche Informationen zusammengestellt. Mit ihrer Hilfe ist es
leicht, den eigenen Fall zu beurteilen und zu entscheiden, welchen Weg man einschlagen
soll.
Auf jeden kommt es an!
Eure E-Mails können Arbeitsplätze retten!
(iw/cr)
Do, 15.06.06: Don't turn your head away from what you see
Hachioji Japan. Universitätsstadt im Großraum Tokio. Acht Uhr morgens. Tetsuro Tanaka
beginnt vor den Werkstoren des Technologiekonzerns Oki zu singen. Jeden Morgen singt er
hier seit dem 30. Juni 1981.
Ein Verrückter wird schnell geurteilt, einer an den man sich gewöhnt hat. Oder einer,
der nicht bereit ist wegzusehen, der daran glaubt, dass auch ein Einzelner etwas bewegen
kann?
Es begann 1978. Oki entließ 1300 Mitarbeiter. Tanaka konnte sich glücklich schätzen. Er
behielt seinen Arbeitsplatz. Tanaka konnte nicht verstehen, dass die Gewerkschaft nicht
gegen diese Entlassungen protestierte.
Um die Verbleibenden wieder Einzuschwören verlangte Oki bald nach den Entlassungen von
den Verbliebenen, ihre Loyalität zur Firma durch gemeinsame Morgengymnastik zu beweisen:
Wer nicht mit uns turnt, ist gegen uns, sagte die Firmenleitung. Und wer sich mit
Verrätern abgibt, ist selbst einer. Tanaka blieb an seinem Schreibtisch. Als Einziger.
Oki duldete den leisen Protest nicht. Der Widerstand eines Einzelnen musste im Keim erstickt werden.
Arbeitsentzug, minderwertige Arbeiten,
Diskriminierung, Gehaltskürzung, Zwangsversetzung, Kündigung für Tanaka waren die Folge.
Wäre es nicht klug gewesen Tanaka hätte die eine Morgengymnastik mit gemacht? Die meisten
dürften so denken.
Doch Tanaker wollte sich seine Meinung nicht abpressen lassen. Er protestierte, wo alle
anderen schwiegen. Er protestiert gegen Diskriminierung und Einschüchterung. "Don't turn
your head away from what you see" singt er.
Was wäre gewesen, wenn die befohlene Morgengymnastik zu einem freien Protest am
Schreibtisch geworden wäre und mit Tanaker andere gesungen hätten? Die Geschichte von
Oki wäre wohl anders verlaufen, die von Tanaker sicherlich.
Spiegel Online
(iw)
Sa, 17.06.06: Schweigender Verkauf
Alles schweigt. Private-Equity-Haus Triton, das Dematic Management, Siemens. Schweigen
muss eine gewinnbringende Innovationsidee sein. Ich bin da ganz sicher, sonst würde ja
nicht dauernd geschwiegen.
Dass ich nicht schweigen kann, unterstellt mir inzwischen jeder. Dabei stimmt das gar nicht.
Ich will nur nicht schweigen. Dass Siemens vom Schweigen begeistert ist, wissen wir.
Aber über was schweigt das Management
von Dematic nun? Ich kann mir nicht vorstellen, dass es Millionenbeträge aufgebracht hat,
um den Siemens auszuzahlen. Schweigt das Management etwa über den symbolischen Preis von
1 €, damit ein Kaufvertrag zustande kommt und es keine Schenkung wird? Für letztere
könnte nämlich Schenkungssteuer anfallen und dass man diese sparen will, ist wirklich
sehr weitsichtig und innovativ. Schließlich könnte man das eingesparte Geld investieren.
Fragt sich nur in was. Darüber wird auch geschwiegen.
Und Private-Equity-Haus Triton, warum schweigen die? Irgendwie geht mir die ganze Zeit
BenQ im Kopf herum ...
... aber jetzt hülle ich mich in Schweigen.
(Bartholomäus Bissig, kurz BB)
Di, 13.06.06: Schweigende Verhandlungen
Es ist schön, dass GBR und örtliche BR die Belegschaft schonen wollen und sich so einig
sind mit dem Arbeitgeber, dass Schweigen die beste Medizin ist, um einen tollen
Verhandlungserfolg hinzubekommen. So können alle beruhigt bis zum 22. Juni in Urlaub
gehen. Es ist ein schönes Gefühl, sicher zu wissen, dass man vorher eh nichts erfährt.
Da kann man den Cocktail an der Strandbar doch wesentlich entspannter genießen.
Es geht ja auch um nicht viel, nur um den Arbeitsplatz, aber dass dieser ständig
gefährdet ist - ja, daran haben wir uns gewöhnt. Was soll's also, ob wir ein paar Tage
mehr oder weniger auf Informationen warten, macht uns gar nichts mehr aus. Gefragt
werden, was wir eigentlich wollen, das wollen wir schon lange nicht mehr. Es interessiert
ja auch niemanden wirklich.
Beruhigend ist auch zu wissen, dass auch die Dreisten und Neugierigen mit Nachfragen
beim BR nicht durchdringen werden, denn "Weitergehende Informationen könnten nicht
bekannt gegeben werden ohne einen Verhandlungserfolg zu gefährden. Bitte sehen Sie daher
von Nachfragen ab. Danke", so steht es auf einer BR Homepage.
Gut, fragen wir nicht nach. Schließlich will niemand den Verhandlungserfolg gefährden.
Schließlich wusste schon Cicero, dass man auch mit Schweigen anklagen kann: Cum tacent,
clamat. Gerade Ihr Schweigen ist laute Anklage.
Aber - so ganz zu schweigen, so gar nichts zu denken, fällt mir halt schwer. Was wird
rauskommen?
Klassisch: Aufhebungsvertrag mit Abfindung nach altem Muster, beE, das Ganze gewürzt
mit betriebsbedingter Kündigung bei Ablehnung und Zwangsversetzungen.
Oder progressiv: Greift Siemens diesmal tief in die Tasche, um à la VW eine Milliarde
Euro für Restrukturierungsmaßnahmen auszugeben, wenn sie schon das VW-Modell der
Arbeitszeitverkürzung ablehnen. Das wären dann - so Pi mal Daumen - 250.000 Euro oder gibt es
etwa
die Sensation:
Einen Ergänzungstarifvertrag still und heimlich ausgehandelt zur Standortsicherung mit
längerer Arbeitszeit und weniger Gehalt oder mit weniger Arbeit für mehr Gehalt?
Oder verhandelt der GBR/BR gar über Auswahlrichtlinien und Namenslisten - aber nein,
was rede ich da. Dies tun sie nicht, das haben sie immer wieder erklärt. Schließlich
wissen wir ja, dass dies auf keinen Fall ohne BR-Zustimmung geht, auch nicht in einer
Einigungsstelle. Auf was für blöde Gedanken man kommt, wenn alle schweigen.
Oder, das wäre wirklich mal was Neues: Werden die Mitarbeiter zum Mond befördert? Die
Russen planen den ersten Mondflug für Touristen im Jahr 2010 für 80 Mio. Euro.
Vielleicht doch zu teuer? Nun vielleicht doch nicht. Schließlich ist das Hin und Zurück.
Das Zurück ist dann Verhandlungssache. Aber es könnte an Time to Market scheitern. Die
Russen verstehen eben doch nichts von freier Marktwirtschaft. Com braucht jetzt eine Lösung.
Ich hoffe, ich habe jetzt nicht zufällig was ausgeplaudert, was noch geheim ist. Bitte
sehen Sie daher von Nachfragen ab. Danke
(Bartholomäus Bissig, kurz BB)
Glossen geben die Meinung von Bartholomäus Bissig, kurz BB wieder.
BB ist nicht beeinflussbar. Wir auch nicht. Deshalb kann es vorkommen, dass die
Meinungen übereinstimmen oder auch nicht. Darüber hüllt sich die NCI-Redaktion in Schweigen.
Bartholomäus auch. Sehen Sie daher bitte von Nachfragen ab. Danke.
Mo, 05.06.06: Und der Haifisch, der hat Zähne…
Klaus
Kleinfeld am PG-Standort Mühlheim Ruhr (Zitat aus der Siemens-Welt Nr. 4-5/2006 Seite 4)
"Die Welt besteht aus Haifischfutter und aus Haifisch. Wir waren immer Haifisch. Und das
fühlt sich auch erheblich besser an. Ich sehe meine Aufgabe darin, dafür zu sorgen, dass
es so bleibt. Deshalb schmerzt es mich ungemein, wenn ich in Diskussionen auf das Thema
Zielmarge reduziert werde. Ich handle nicht kapitalmarktgetrieben. Ich sehe meine Aufgabe
darin, die Firma so zu führen, dass sie auch für die nächsten 150 Jahre fit ist."
Siemens ist Haifisch, sagt Kleinfeld. Wir sind Menschen, sagen wir.
Wir finden, es fühlt sich erheblich besser an, Mensch zu sein.
Weltweit kommen etwa 10 Menschen jährlich durch Haiattacken ums Leben. Dem gegenüber stehen
200 Millionen getötete Haie weltweit. Über 70 Haifischarten sind bereits vom Aussterben bedroht,
oder deren Existenz kann als nicht mehr überlebensfähig bezeichnet werden.
In Räuber-Beute-Modellen stellt sich zwischen der Zahl der Räuber (Haifische) und der der
Beutetiere (Haifischfutter) ein stabiles Gleichgewicht ein. Nur wenn die Räuber zu gierig
werden, dann nimmt die Anzahl der Beutetiere rapide ab und die Haifische sterben aus. Übrig
bleiben die Beutetiere, die sich in ihrem Bestand wieder erholen können (Angewandte Mathematik,
partielle Differentialgleichungen).
Der Haifisch hat Jahrmillionen ohne große Veränderungen überdauert. Ob Siemens das auch so
lange schafft?
Der Hai als Speisefisch ist besonders beliebt in der asiatischen Küche. "Dort wird gerne
die Haifischflosse verarbeitet: Zu Haifischflossensuppe oder in China zu einem normalen
Leckerbissen. Aber auch in anderen Ländern gilt der Hai als Nahrungsmittel: Die Inuit in
Grönland trocknen das Fleisch des Grönlandhais oder fermentieren es zur regionalen Delikatesse
"tipnuk". In Island gilt Hai als Aphrodisiakum: Das Fleisch lässt man eingegraben mehrere
Monate fermentieren (d.h. verfaulen), und zerkleinert die Masse in mundgerechte Größen."
(Wikipedia,
http://de.wikipedia.org/wiki/Haie)
… und Macheath, der hat ein Messer
doch das Messer sieht man nicht.
(Brecht, Dreigroschenoper)
(cr/iw)
Di, 30.05.06: 'Ja' und 'Nein', Wörter die Freiheit brauchen
Manchen mag der Bericht über die
Personalentwicklung am Standort München
Hofmannstraße erschreckt haben. Uns ehrlich gesagt auch.
Siemens hat seit 2003 nicht mehr gekündigt. Der Grund: Ein wohl überlegtes
und freies Nein, vielfach gesprochen. Es mündete in den erfolgreichen
Widerstand, den NCI zusammen mit dem damaligen Betriebsrat Mch H unter
Anwendung der Arbeitnehmerrechte geführt hat. Dieses ‚Nein' zu den Angeboten
der Siemens AG hat gezeigt, dass es für Siemens nicht so einfach ist, die
Mitarbeiter zu kündigen, die sie abbauen will, wenn eine Sozialauswahl zu
tätigen ist, passende offene Stellen im Unternehmen vorhanden sind, und
nicht erkennbar ist, warum durch eine unternehmerische Entscheidung genau
dieser Arbeitsplatz weggefallen ist. Das Kündigungsschutzgesetz, das soziale
Aspekte in den Mittelpunkt stellt, steht gegen die Einstufung des Menschen
als problemlos funktionierendes Maschinenteil. Und das ist gut so.
Man muss berücksichtigen, dass ein Teil des massiven Abbaus in der
Hofmannstraße darauf zurückzuführen ist, dass größere Verschiebungen von
Mitarbeitern in andere Standorte (Mch P und Mch MGA) stattgefunden haben.
Aber der Grund dieser Verschiebungen war, dass an diesen Standorten
unerfahrenere bzw. AUB-geführte Betriebsräte waren. Der größte Teil der
Versetzungen wurde zur AUB-geführten Betriebsratseinheit Mch P durchgeführt.
Siemens rechnete damit, an diesen Standorten leichter abbauen, leichter ein ‚Ja'
bekommen zu können. Der von Siemens in Mch H nicht zu realisierende Personalabbau wurde
dort dann versucht und teilweise leider auch erreicht, denn die Betriebsvereinbarungen 2005
ließen die Kündigungsmodalitäten völlig offen, auch beim Abbau in der Hofmannstraße. Das
erschwerte das "Nein".
Zum Personalabbau ohne Kündigungen in Mch H und den anderen Standorten konnte es nur kommen,
da die Mitarbeiter zu den "Freiwilligkeitsaktionen" nicht ‚Nein' gesagt haben. "Ja" und "Nein"
an sich sind wert neutral, dann wenn der Mensch, der eines dieser Worte spricht, es aus freiem
Willen tut und nicht gebeugt wurde. Die Frage stellt sich nun, war es tatsächlich immer die
freie Willensentscheidung des Mitarbeiters, Siemens zu verlassen oder spielte die Angst vor
Kündigung, Mobbing durch Vorgesetzte, Druckgespräche in der Personalabteilung die treibende
Rolle? Oder war es einfach Unwissenheit? Für viele sicherlich, vor allem dann, wenn sie isoliert
und auf sich alleine gestellt sind. Deswegen haben wir NCI gegründet.
Ein ‚Ja' oder ‚Nein', die Unterschrift, die dies ausdrückt, sollte wirklich freiwillig erfolgen
und der Schritt gut durchdacht sein. Damit ihr dies einschätzen könnt, klickt mal
hier.
Lasst Euch nicht aus Angst zur Freiwilligkeit zwingen. Fördert nicht den Personalabbau und
den Verlust Eurer Existenzgrundlage, indem Ihr Euch nicht traut zu freiwilligen Angeboten
"Nein" zu sagen. Betrachtet eure rechtliche Position mit Hilfe von Anwälten und der
Unterstützung durch NCI rational. Und geht dann den Weg, der die besten Chancen bietet,
einen Arbeitsplatz zu erhalten, vorausgesetzt Ihr braucht einen Arbeitsplatz.
Wenn Ihr Euch die Zeit nehmt, Eure Rechte kennen zu lernen, Euch zu solidarisieren, damit
niemand alleine ist, den Mut habt, "nein" zu sagen, wo ihr nein sagen wollt, "ja" zu sagen,
wo es Eurem Willen entspricht, Eure Rechte anwendet, dann ist es wahrscheinlicher, dass Siemens
Lösungen sucht, die auch die Bedürfnisse der Mitarbeiter berücksichtigen.
Die kürzesten Wörter, nämlich ja und nein, erfordern das meiste Nachdenken.
(Pythagoras)
(iw/cr)
TietoEnator: Ein paar Gedanken ...
"Ich war solange bei Siemens, habe mich so für die Firma eingesetzt und jetzt schieben
sie mich ab", war ein Gedanke, der vielen kam, als sie erfahren hatten, dass sie zu
TietoEnator übergehen sollen. In denjenigen, die bereits einmal 2003/2004 durch die
Kündigungsschutzprozesse gegangen sind, kam Enttäuschung hoch, die sich in den Worten
ausdrückte: "Jetzt habe ich solange gekämpft, und nun schaffen sie es doch, mich
loszuwerden." Begleitet wurden und werden all diese Emotionen von Zukunftsängsten. Welche
Entscheidung ist richtig? Wo überlebe ich länger? Wo gehe ich wenigstens nicht mit leeren
Händen? Die Gedanken gehen hin und her, drehen sich im Kreise. Kaum glaubt man eine
Entscheidung gefunden zu haben, erzählt jemand eine Neuigkeit und schon beginnen sich die
Gedanken wieder im Kreise zu drehen.
Gefühle beherrschen die Entscheidung, Gefühle sollten aber nicht der alleinige Ratgeber
sein. Deshalb bitten wir Euch die 3-jährige-Nichtkündigungsgarantie und die Standortzusage
sowie die Bereitschaft von TietoEnator-Chef Jürgen Hatzipantelis
diese den Mitarbeitern schriftlich und damit rechtsverbindlich zukommen zu lassen, in
Eure Entscheidung mit einzubeziehen und nüchtern zu betrachten:
"Auch in den gestrigen Informationsrunden habe ich abermals unsere Absicht erklärt, dass
wir definitiv in den nächsten drei Jahren auf betriebsbedingte Kündigungen verzichten,
und die Mitarbeiter dies noch vor Ablauf der Widerspruchsfrist persönlich und schriftlich
mitgeteilt bekommen. Bedingt durch die Tatsache, dass wir Gebäude in der Nähe des heutigen
Sitzes anmieten, haben wir faktisch auch eine Standortzusage gegeben." (E-Mail von Jürgen
Hatzipantelis vom 25.05.06 an NCI als Antwort auf unsere Nachfrage zu Nicht-Kündigungs- und
Standortgarantie).
Was kann alles bei Siemens nach dem Widerspruch kommen? Fakt ist, Ihr habt, wenn Ihr dem Betriebsübergang widersprecht
keinen Arbeitsplatz mehr bei Siemens.
Die größte Hoffnung ist bei manchen, bei Siemens wieder reintegriert zu werden und bis zur
Rente einen sicheren Arbeitsplatz zu haben. Doch wie sieht die Situation bei Com aus?
Eine 3-jährige Nicht-Kündigungsgarantie erhalten die Com-Mitarbeiter zurzeit von Siemens
nicht - im Gegenteil, der Abbau von 1200 Arbeitsplätzen steht auf der Tagesordnung. Die
Situation bei Com sieht nicht rosig aus. Die Marge liegt bei 0,8 Prozent, erreicht werden
sollen 8 bis 11 Prozent bis 2007. Bei objektiver Betrachtung ein Ding der Unmöglichkeit.
Weitere Auslagerungspläne liegen mit Sicherheit schon in der Schublade der Siemens AG.
Betrachtet für Euch selbst die Zukunftsaussichten für Com. Versucht Eure persönlichen
Aussichten, bei Siemens nach einem Widerspruch reintegriert zu werden, unter diesen Aspekten
realistisch einzuschätzen.
Andere Mitarbeiter haben Angst vor Mobbing. Die Erinnerung an 2003/2004 wird wach. Damals
hat Siemens die Gekündigten und nicht gekündigten Auserwählten (Ältere, Jubilare,
Schwerbehinderte)
ausgegrenzt, sie
ohne Arbeit gelassen oder mit minderwertiger Arbeit beschäftigt. Diese Situation hat viele
sehr
belastet,
obwohl es den starken Zusammenhalt im NCI gab und noch gibt.
Kollegen berichten uns immer wieder über Mobbing im Zusammenhang mit Personalabbau. Es
beginnt mit der Aufforderung sich eine neue Stelle zu suchen, gekoppelt mit dem immer
wieder kehrenden Angebot eines Aufhebungsvertrags, zu dessen Unterschrift man in langen
und immer wieder kehrenden Personalgesprächen ‚überzeugt' werden soll. Der Com-Stellenabbau
2006 läuft an. Einzelne Mitarbeiter werden schon von Vorgesetzten unter Druck gesetzt.
Die wenigsten Kollegen hatten in der Vergangenheit die Kraft, gegen diese Diskriminierung
rechtlich vorzugehen. Ihr solltet bevor Ihr widersprecht für Euch einschätzen, wie viel
persönliche Kraft Ihr und Eure Familie habt, mit dieser Möglichkeit umgehen zu können.
Diese Möglichkeit zählt leider aufgrund der Erfahrung der Vergangenheit nicht zu den
unwahrscheinlichsten.
Eine andere Möglichkeit für Siemens auf den Widerspruch zu reagieren, ist zumindest die
AT-ler nach Greifswald zu versetzen. Greifswald ist weit. Wenn Ihr nicht mit der Familie
umziehen wollt, nehmt einen Routenplaner, ein Bahntool, und errechnet wie lange ihr mit
Auto oder Bahn unterwegs sein werdet, um am Wochenende nach Hause zu fahren. Rechnet die
Kosten aus für diese Fahrten und die Unterkunft in Greifswald. Stellt diese Kosten und
den Zeitaufwand einer eventuellen Verringerung der variablen Gehaltsanteile bei
TietoEnator gegenüber. Welches Netto-Gehalt ist unter diesen Umständen höher?
Denkt auch darüber nach, wie anstrengend diese Reisen nach Greifswald, insbesondere im
Winter, sind und was die Trennung von der Familie für Euch und diese bedeutet.
Trotzdem ist die Versetzung nach Greifswald noch besser, wenn man in Betracht zieht,
dass Siemens kündigen könnte. Über die
Rechtslage dieser betriebsbedingten Kündigung, die
völlig anders ist als 2003, haben wir bereits berichtet. Hier unsere Bitte, baut Eure
Entscheidung nicht allein auf der Hoffnung auf: Ich kämpfe, es wird schon gut gehen.
Macht nicht die Augen zu, lasst Euch nicht nur emotional steuern, sondern betrachtet die
Situation und Eure Chancen im Kündigungsschutzprozess nüchtern. Wenn die Kündigung für
Siemens erfolgreich sein sollte, habt ihr eine Gehaltsreduzierung um 100 Prozent, im
worst case ohne Abfindung.
Es ist z. Zt. noch völlig unklar, ob Ihr als TietoEnator-Kandidaten nach einem Widerspruch
in den Interessenausgleich und Sozialplan für den Stellenabbau Com mit einbezogen werdet. Der Betriebsrat will das
zwar verhandeln, aber Siemens teilt bei jeder Gelegenheit mit, dass sie dies nicht wollen.
Und eines bitte nicht vergessen. Falls es dem Betriebsrat gelingen sollte, Euch in den
Interessenausgleich und Sozialplan mit einzubeziehen, bleibt Euch nur Aufhebungsvertrag,
beE oder Kündigung. Eine Re-Integration wird dort nicht vereinbart werden. Über die
Nachteile der
beE gegenüber TietoEnator haben wir schon gesprochen.
Wir wissen, das viele Angst haben vor den Projekteinsätzen bei TietoEnator. Doch was
wird nach drei Jahren mit Com sein? Folgt Com dem Trend, Entwicklungsaktivitäten auszulagern?
Vor welcher Entscheidung steht man in drei Jahren bei Siemens. Das weiß niemand, wahrscheinlich
noch nicht einmal Siemens selbst.
Dem allen steht eine 3-jährige Nicht-Kündigungsgarantie von TietoEnator gegenüber,
einschließlich der Zusage in München bleiben zu können. Psychischer Druck ist nicht zu
erwarten, da TietoEnator seine Verbindlichkeiten den Kunden gegenüber erfüllen muss und
Eure Arbeitskraft braucht, um dies zu erreichen.
Natürlich sind es wirtschaftliche
Interessen, die TietoEnator zu dieser Nicht-Kündigungsgarantie bewegt haben, aber zeigt
sie nicht auch, dass Euer Wissen gebraucht wird? Warum sonst sollte ein Arbeitgeber
in diesen Zeiten eine solche Garantie abgeben?
Diese Gedanken, einfach so herunter geschrieben für Euch, sollen Euch ein paar Anregungen
geben, um den Kreislauf der Gedanken durchbrechen zu können. Die Entscheidung selbst will
und kann Euch niemand abnehmen. Unser Wunsch ist es nur, dass ihr alle Fakten gegeneinander
abwägt, die Risiken einschätzt, nicht tragbare Folgen wie z.B.
Hartz IV, ausschließt,
Eure Gesundheit und psychische Kraft richtig einschätzt, an die Belastung in Ehe und
Familie denkt, bedenkt, dass auch Ehepartner und Kinder von einem Gerichtsprozess,
Trennung, Mobbing belastet werden.
Man kann kämpfen gegen Siemens, man soll es auch tun, wenn es darum geht seine Rechte zu
verteidigen. Man kann auch gewinnen, aber man kann auch verlieren. Eine Garantie gibt es
hier nicht. Egal wie Ihr Euch entscheidet. NCI unterstützt
Euch weiter, ob bei Siemens oder bei TietoEnator.
(iw)
Wege entstehen dadurch, dass man sie geht (franz Kafka)
Liebe NCI-ler,
Stellenabbau, Betriebsschließung. Es ist zum Alltag geworden. Der Presse ist es kaum eine
Meldung wert. Es passiert überall. Es ist nichts Besonderes mehr.
Und doch - wenn man mit dem einzelnen Menschen spricht, merkt man, dass es etwas Besonderes
ist. Hinter der Fassade der Sachlichkeit, der nüchternen Information, treten plötzlich
Gefühle hervor, Betroffenheit, Wut, Ohnmacht, Sprachlosigkeit, Angst vor Arbeitslosigkeit,
Sorge darüber, die richtige Entscheidung zu treffen und bei manchem Kollegen Verzweiflung,
Kraftlosigkeit, weil der Stress seit 2002 bei Com nicht mehr aufhört. "Das Schlimmste
Gefühl ist die Hilflosigkeit", schrieb ein Kollege. Hilflosigkeit lähmt.
Doch hilflos müssen wir nicht sein. Damals als 2002/2003 die Kündigungen in München
anstanden, haben wir uns gesagt: Wir lassen nicht über uns bestimmen. Wir lassen uns nicht
wie die Schafe in einen von der Firma errichteten Pferch drängen. Wir fragen nach unseren
Rechten und Möglichkeiten zu handeln. Wir entscheiden selbst, suchen trotz aller
Schwierigkeiten und Befürchtungen, die im Raum stehen, unseren Weg und gehen diesen dann
Schritt für Schritt - die meisten haben sich entschieden, diesen Weg gemeinsam zu gehen.
Der erste Schritt, der Hilflosigkeit zu begegnen, ist dieser Wandel im Denken. An die
Stelle der Hilflosigkeit tritt dann Mut, Mut zum Handeln, Mut zur eigenen Verantwortung,
Mut zur Entscheidung, Mut zu dieser Entscheidung zu stehen, auch wenn der Weg manchmal
steinig oder kaum sichtbar ist.
Uns allen war klar und ist es bis heute: Unabhängig davon, ob wir letztlich unseren
Arbeitsplatz erhalten können oder nicht (kämpfen sollten wir dafür), erhalten wir durch
die Bereitschaft, aktiv zu handeln, auf jeden Fall unser Selbstbewusstsein, unsere
Fähigkeit das Leben in die eigene Hand zu nehmen. Dieses Bewusstsein alles zu tun, was man
tun kann, nicht aufzugeben, sondern gemeinsam, für jeden die richtige Lösung zu finden,
ist ein unbezahlbares Kapital für die Zukunft, ein Kapital, das einem niemand nehmen kann,
egal wie diese Zukunft aussehen wird.
Was kann nun jeder Einzelne tun?
- Jeder weiß etwas, was wir nicht wissen
Teilt uns mit, was in Euren Abteilungen passiert, was Eure Vorgesetzten sagen,
welche Gerüchte plötzlich auftauchen, wie die Stimmung ist. Berichte aus Euren
Abteilungen sind hilfreich. Verfasst sie einzeln oder zusammen. Das, was für Euch
unwichtig erscheint, ist für uns vielleicht ein wichtiges Puzzleteil.
- Achtet aufeinander - dort wo Menschlichkeit in Sachlichkeit erstickt werden soll,
ist es an den Menschen, dies nicht zuzulassen.
Teilt uns mit, wenn Ihr oder Kollegen von Euch unter Druck gesetzt werden. Lasst
niemanden mit diesem Druck allein. Wir verfügen inzwischen über viel Erfahrung,
wie man sich gegen den Druck wehren kann.
- Solidarisierung - kein leeres Wort
Informiert Euch. Diskutiert miteinander. Reflektiert. Sprecht die Handlungsoptionen
durch. Bildet Interessengruppen. Wenn Ihr Fragen habt, schreibt uns.
Was Ihr nicht tun solltet:
- Hoffen, dass jemand anders das tut, was Ihr tun könnt. Dann wird es nicht getan.
- Glauben, dass wir die Information schon haben. Uns macht es nichts aus, Informationen
mehrfach zu bekommen.
- Uns nicht belästigen zu wollen. Wir machen diese Arbeit gerne für Euch. Uns macht
es nichts aus mit Information und Fragen, die unsere Homepage nicht beantwortet,
"belästigt" zu werden.
- Passiv abzuwarten, bis ein Wunder geschieht, das Euch rettet. Die Wahrscheinlichkeit,
dass es ohne Euer Zutun geschieht ist relativ gering.
- Blind vertrauen, egal wem. Reflektiert das, was Ihr erfahrt. Unterschreibt nichts,
ohne es vorher genau durchdacht und mit Menschen Eures Vertrauens diskutiert zu
haben.
- Die Verantwortung für Euch selbst, anderen zu überlassen.
Ihr, liebe NCI-ler, wisst, dass wir Euch nach bestem Wissen und Gewissen informieren,
Eure Fragen beantworten, Euch betriebsratsmäßig betreuen. An den E-Mails und den ständig
wachsenden Zugriffszahlen auf unsere Homepage, sehen wir, dass Ihr uns Vertrauen entgegen
bringt. Wir brauchen Euer Wissen, Eure Aufmerksamkeit. Wir brauchen dies, um Euch weiter
gut informieren zu können.
Wir wollen Euch motivieren, das aufgedrückte "Projekt Stellenabbau", aktiv anzugehen, um
bewusste und damit für Euch persönlich richtige Entscheidungen treffen zu können.
Der Zeitraum ist lang. Es wird Hochs und Tiefs geben. Aber Solidarität ist, dass der, der
gerade mit der Situation ganz gut zurecht kommt, dem der im Tief ist, die Hand reicht, ihm
zuhört, ihn hochzieht. Und der, der im Tief ist, sollte den Mut haben, die Hand zu
ergreifen, damit er mit der Situation zurecht kommen kann, um dann wieder anderen die Hand
reichen zu können.
Das, liebe Kolleginnen und Kollegen ist NCI. Jeder kann diese Solidarität in seiner
unmittelbaren Umgebung leben. Jeder kann seinen Kollegen ansprechen. Und wenn dies
tatsächlich jeder, der diese E-Mail erhält tut, dann haben wir ganz plötzlich und von
ganz allein eine flächendeckende Solidarisierung und eine Stärke, die allen hilft.
Probiert es. Es ist einfach.
Viele Grüße von Eurem NCI-Team
03.05.2006
August 05
Die Revolution frisst ihre Kinder
Großkonzerne wie Siemens sind seit Jahren bestrebt, den reinen Kapitalismus durchzusetzen,
der den Menschen nur noch als Wirtschaftsfaktor betrachtet und Gewinnmaximierung zum
absoluten Ziel erklärt. Die Großkonzerne verstehen sich schon lange nicht mehr als Teil eines
sozialökonomischen Systems, dessen Existenz und Überleben von einer stabilen
Gesellschaft abhängt, in der die Menschen ihr Auskommen haben, schließlich macht es die
Globalisierung möglich, von einem Land zum anderen zu ziehen. Menschen oder gar
menschliche Werte, die nicht in bare Münze oder Aktienkurse umgesetzt werden können, sind
Ausschuss und werden abgestoßen, dem Staat überlassen, der sich um diese kümmern kann oder
auch nicht. Man überlässt es den ehrenamtliche Helfer, sozialen Einrichtungen und Kirchen sich
der Menschen anzunehmen, die durch diese Wirtschaftpolitik auf der Strecke bleiben.
Doch jetzt wächst den Revolutionären der Globalisierung die eigene Revolution über den Kopf.
Hedge Fond Investmentgesellschaften treten weltweit mehr und mehr in Erscheinung und verwirklichen
das, wovon die Väter der Globalisierung nur träumen: rasche Gewinnsteigerung, Kaufen und
Verkaufen von Aktienpaketen, ohne Rücksicht auf die Gesundung eines Unternehmens. Ist es
ausgeblutet, zieht man weiter; es interessiert nicht mehr, wenn ein Unternehmen zerschlagen
zurückbleibt. Leidtragende sind zunächst die Arbeitnehmer, deren Existenz von Unternehmen
abhängt. Leidtragend ist die Gesellschaft, die den ökonomischen Flurschaden, der durch
diese Geschäftspraktiken angerichtet wird, auffangen darf und immer weniger in der Lage ist,
diesen gesellschaftlichen Kahlschlag auszugleichen.
Doch auch die Menschen, die ihren Arbeitsplatz noch nicht verloren haben, leiden unter dem
zunehmenden Druck, unter dem die Konzernführungen stehen. Arbeitsüberlastung, unsichere
Zukunft, fehlende Zeit qualitativ hochwertige Produkte überhaupt entwickeln zu können,
sprunghafte Innovationen, die immer seltener zu Ende geführt werden, weil auf den Aktienkurs
zu reagieren ist, bestimmen den Arbeitsalltag. Die Menschen spüren immer mehr, dass sie
zu Arbeitsklaven degradiert werden.
Das Ganze erinnert an die Piraterie im 16. Jahrhundert. In der zweiten Hälfte dieses
Jahrhunderts kamen Freibeuter wie Sir Francis Drake und Sir John Hawkins zum Vorschein,
um die spanische Vorherrschaft über die Neue Welt und ihre Reichtümer zu brechen. Der
Erfolg ihrer Kaperfahrten ermutigten andere, die unbedingt reich werden wollten, nicht als Piraten,
sondern als "staatlich anerkannte Freibeuter" spanische Schiffe anzugreifen und zu erobern.
Der Hauptunterschied zwischen einem Piraten und einem Freibeuter bestand darin, dass
Freibeuter von einer Kommission, einer Regierung oder durch Kaperbriefe authorisiert
waren, Handelsschiffe feindlicher Nationen anzugreifen und auszuplündern. Die klassische
Ära der Piraterie setzte sich im 18. Jahrhundert fort, als viele der berüchtigtsten
Piraten die Weltmeere unsicher machten. Viele Piraten und Freibeuter verschafften sich
einen guten Ruf in der amerikanischen Revolution (1775 - 83), da hunderte der kleinen
amerikanischen Marine halfen, indem sie die Schiffe der englischen Herrscher angriffen
und versenkten. Am Anfang des 19. Jahrhunderts waren die Marinestreitkräfte der Staaten
nicht mehr auf die Hilfe von Freibeutern angewiesen. Die Einführung von Dampfschiffen,
die nicht mehr vom Wind abhängig waren verschafften den Piratenjägern einen
entscheidenden Vorteil. 1850 gab es nur noch sehr wenige kleine Piratenmannschaften.
1856 wurde in Paris von den meisten großen Seemächten ein Vertrag geschlossen, der das
Ausstellen von Kaperbriefen untersagte. An den Hauptschifffahrtsrouten ist die Piraterie
heute so gut wie ausgestorben, aber in Teilen Südostasiens und Teilen der Karibik
floriert immer noch das Geschäft.
Heute wie damals vermischt sich staatlich anerkannte und illegale Ausbeutung. Wirtschaftliches
Gewinnstreben, die Erhaltung der Macht oder das Zurückdrängen von einflussreichen Kräften
vermischten sich damals genauso wie heute. Damals nannte man sie Piraten oder Freibeuter,
heute nennt man sie Aktionäre oder Hedge Fond Investmentgesellschaften. Das Prinzip ist
das Gleiche: Geld, Macht, Einfluss. Die Geschichte wiederholt sich, nur die Inzenierungen wandeln sich.
Es wird wohl einer erneuten Renaissance bedürfen, um den Kapitalismus wieder in den Humanismus
überzuführen. Erst im 19. Jahrhundert wurde das
mittelalterliche Welt- und Menschenbild überwunden. An die Stelle des Autoritätsglaubens
tritt der Geist kritischer Forschung; der Mensch wird zum Maß aller Dinge. Der Kampf um
Humanität, um menschenwürdiges Leben, wird wohl nie zu Ende gehen. Humanismus hängt von
der Anzahl der Menschen ab, die ihn leben, er hängt auch von dem Mut der Menschen ab,
die bereit sind, laut diese Werte zu verteidigen. Fast 60 Jahre war das für die meisten
humanistisches Gedankengut selbstverständlich und es ist schwer zu begreifen, dass es das heute nicht mehr ist -
im Zeitalter der Hedge Fond Gesellschaften.
Juni 05
Diskussion - Information - Solidarität
Wir freuen uns zusammen mit unseren Kollegen von Netzwerk IT, dass immer mehr
Menschen bereit sind, ihr Schicksal nicht einfach hinzunehmen, sondern etwas tun
wollen, damit ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen lebenswert bleiben.
Früher war für die heute arbeitende Generation alles selbstverständlich. Die
Gewerkschaften handelten die Gehaltserhöhungen in den Tarifverhandlungen aus. Man
war Zuschauer am Fernsehabpparat und Nutznießer. Ab und zu gab es einen Tag Urlaub
mehr - erfreulich. Die Arbeit wurde immer mehr von Kontrollzwängen befreit, selbständiger,
sie machte richtig Spaß.
Plötzlich aber hatte sich die Welt verändert. Für manche - damals 2002 - sehr plötzlich.
Andere wurden ausgegliedert, verkauft, abgewickelt. Andere blieben verschont und
blendeten die Welt, die sie nicht sehen wollten aus - teilweise bis heute. Früher
konnte man es sich leisten, den Kopf in den Sand zu stecken. Man versäumte höchstens
eine Beförderung oder einen kleinen geldwerten Vorteil. Heute kann man es sich nicht
mehr leisten, von den Gesetzmäßigkeiten, die die eigene Arbeitswelt bestimmen, nichts
zu wissen. Wissen in diesem Bereich ist plötzlich wertvoll geworden. Wissen ist eine
wichtige Basis, aber es alleine genügt nicht. Man muss darüber reden, diskutieren, es
anwenden. Und dabei erfährt man, dass manches Wissen nur umsetzbar ist, wenn man
sich mit anderen zusammenschließt.
Sich zusammen zu schließen ist nichts Neues.
Es ist nur ein wenig verloren gegangen. Seit die
Menschheit besteht, haben Menschen sich zusammengeschlossen, um ihr eigenes Überleben
zu sichern. Dabei kann man auch erfahren, dass es Spass machen kann, die Sache selbst in
die Hand zu nehmen. Die meisten NCI-ler sagen: Ich möchte diese Zeit nicht missen, so
schlimm sie auch war. Was sie meinen ist die Erfahrung in der Gemeinschaft, das
Erleben zu helfen und Hilfe zu bekommen, aber auch die Erfahrung, dass man vieles
bewegen kann, wenn man das, was man tun kann, auch tatsächlich tut.
Darum freut es uns sehr, dass die Sinitec und SBS Kolleginnen und Kollegen trotz viel Arbeit
und wenig Zeit, die Initiative ergriffen haben, um das was die Menschheit überleben lies,
in ihrem Umfeld zu realisieren: Zusammenarbeit und Solidarität. Wir sind sicher, dies
hilft auch heute, um zu überleben.
Um klar zu sehen,
genügt of schon ein Wechsel der Blickrichtung.
Juni 05
Jakob und Esau - was hat ihr Linsengericht mit uns zu tun?
Ein paar Worte einer SBS Kollegin aus Nürnberg
Die NCI-Briefe enthalten oft einfache Parabeln. Sie haben mir immer so gut gefallen.
Denn, wie Inken sagt, das Emotionale ist ungeheuer wichtig. die Geschichte hier habe
ich mir nicht ausgedacht. Sie steht eigentlich in der Bibel. Diese Tage ist sie mir
wieder eingefallen, weil jemand sagte, die KollegInnen verkaufen ihren Arbeitsplatz
"um ein Linsengericht". Was heisst das eigentlich?
*** Esau war ein Jäger und kam müde und furchtbar hungrig nach Hause. Da saß sein
Bruder Jakob und aß genüßlich einen Teller voller Linsen, den er sich selbst gekocht
hatte. Esau wollte auch davon haben, hungrig wie er war, doch Jakob gab nichts ab,
sondern sagte: "Verkaufe mir zuvor dein Erstgeburtsrecht!" Und Esau erwiderte:
"Was nützt mir das Erstgebutsrecht, wenn ich verhungere?" So bekam Esau das
Linsengericht und Jakob das Erstgeburtsrecht.
Wäre Esau verhungert, wenn er sich nicht auf diesen unverschämten Handel eingelassen
hätte? Keineswegs, so schnell verhungert kein Mensch. Er hätte sich nur selbst Linsen
kochen müssen, das hätte 2-3 Stunden gedauert (damals ohne Dampfkochtopf). Solange
wollte er nicht Kohldampf schieben. Er konnte den unerträglichen Zustand in seiner
Magengrube nicht länger aushalten.
Wäre Jakob sonst an das wichtige Erstgeburtsrecht gekommen? Kaum, denn die rechtliche
Position seines erstgeborenen Bruders in war unangreifbar. Esau musste schon selbst
auf das Recht und die damit verbundenen (Erb-)Privilegien verzichten. Er tat es - um
ein Linsengericht! Weil er das schlimme Gefühl im Bauch nicht mal für wenighe Stunden
aushalten konnte. Das bittere Erwachen kam dann für ihn, als der Erbfall eintrat...
*** Heute sind die Menschen natürlich viel schlauer und vor allem psychologisch
geschult und niemand verzichtet freiwillig auf unangreifbare Rechtspositionen,
bloss weil es vorübergehend flau wird im Magen, oder?
Juni 05
01.06.05 bei Com FN
Betriebsbedingte Kündigungen konnten vermieden werden -
hoffentlich für alle auch Arbeitslosigkeit
Bei der Nachricht "Betriebsbedingte Kündigungen konnten vermieden werden" darf und soll man
sich freuen. "Eine Welle der Erleichterung" ging durch die Abteilungen, schrieb eine
Kollegin an NCI. Aus allen Ecken sei diese Meldung gekommen. Erleichterung bei denen,
die den vielleicht bangen Mut gefunden hatten "Nein" zu sagen.
Die Betriebsleitung bedankte sich bei denen, die in die beE gegangen sind mit den Worten:
"Dies wäre ohne diejenigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht möglich gewesen, die
ihre in vielen Fällen sicherlich nicht leichte Entscheidung für eine Trennung oder
berufliche Veränderung getroffen haben. Ihnen gilt unser Respekt und Dank." Ungewöhnliche
Worte, wenn man sich an die immer noch währenden gerichtlichen Auseinandersetzungen erinnert
und den harten Kampf, der zwei Jahre lang geführt werden musste, um den Arbeitsplatz von
Gekündigten, ausgesonderten Schwerbehinderten und Jubilaren zu erhalten.
Respekt und Dank kann Siemens den Mitarbeitern, die in die beE gegangen sind, nun entgegenbringen, in dem sie ihr
Versprechen einlöst und ernsthafte Anstrengungen unternimmt, die Mitarbeiter in der beE tatsächlich
auf einen neuen Arbeitsplatz zu vermitteln. Wir erwarten - und die Kolleginnen und Kollegen in der
beE erst recht -, dass Siemens ihre Beziehungen,
die sie zu den Personalabteilungen anderer Siemens Betriebe und anderer Firmen hat, aktiv
für die Mitarbeiter nutzt. Von diesem Dank würden die Mitarbeiter profitieren.
Wir wünschen ihnen, dass Siemens das tut.
Trotz aller Freude darf man nicht vergessen, dass dieses beE-Angebot und der Beschluss
keine betriebsbedingten Kündigungen auszusprechen, nicht von alleine gekommen ist.
Ohne die kontinuierliche Bereitschaft der Kolleginnen und Kollegen der ersten beiden
Abbauwellen, ohne ihre Solidarität, ihren Einsatz und Mut zu kämpfen, hätten wir heute
Massenentlassungen, die soziale Kriterien genauso wie damals nicht berücksichtigen würden. Der Misserfolg
der Siemens AG vor Gericht, die Urteile, dass die damals gekündigten Mitarbeiter wieder
zu reintegrieren sind, hat die Siemens AG vorsichtiger werden lassen, zwingt sie das
Kündigungsschutzgesetz zu beachten und lässt sie Abstand nehmen vor ungerechtfertigten
Kündigungen. Selbstverständlich ist das nicht.
Es ist der Erfolg von Solidarität, Kollegialität
und Zusammenhalt. Es ist auch der Erfolg einer gemeinsamen Arbeit zwischen Belegschaft,
Betriebsrat und Gewerkschaft. Zu dieser Zusammenarbeit sollten wir - bei aller unterschiedlicher
Vorgehensweise - wieder zurückfinden können. NCI ist dazu bereit, wenn dies in Achtung
und Respekt voreinander geschieht. Auf die Dauer können wir es uns nämlich nicht leisten,
zu diskutieren wer der bessere ist. NCI fühlt sich nicht als die bessere Gewerkschaft.
NCI fühlt sich als das, was es ist - ein Mitarbeiternetz, das die Schlagkraft eines Betriebsrates
und einer Gewerkschaft ergänzt. Nie haben wir etwas anderes gesagt und uns nie als etwas
anderes gefühlt.
Einen einzelnen Stock kann jeder zerbrechen, wenn er ihn über das Knie schlägt.
Aber mit einem Bündel von Stöcken gelingt dies nicht mehr.
Mai 05
NCI:Vom Mut zur eigenen Verantwortung
Wolfgang Müller definiert gerne das Ende von Dingen. Damals im Februar 2004 definierte
er das Ende des Kampfes um die Arbeitsplätze, obwohl die Kündigungsschutzklagen noch
liefen, obwohl weder die Gekündigten, die einen LAG-Prozess gewonnen hatten noch die
Schwerbehinderten, Jubilare und Älteren wieder einen festen Arbeitsplatz hatten. Heute
definiert er das Ende von NCI und bezeichnet es als trauriges Ende.
Heute wie damals machen die NCI-ler das Ende nicht mit. Traurig ist höchstens das Ende
der Zusammenarbeit mit der IG Metall München. Traurig deshalb, weil sie zwei Jahre
unter dem BR-Vorsitz von Heribert Fieber bestens und erfolgreich funktioniert hat.
Aber Traurigkeit hilft uns nicht weiter. Es ist wie in einer Ehe, manchmal ist es
besser zu gehen, um irgendwann einmal wieder freundschaftlich miteinander umgehen zu
können. Wir sind gegangen - eigentlich nur vom IGM Server - einmal, weil wir fürchteten,
von diesem vertrieben zu werden, aber auch um den Konflikt mit der IG Metall zu lösen,
indem wir uns gelöst haben.
Wolfgang Müller schreibt ausführlich und in lobenden Worten, was die Kolleginnen und
Kollegen im NCI alles geleistet haben. Es ist anerkennenswert, dass er das tut. Das
lässt mich auch hoffen, dass es irgendwann einmal wieder möglich sein wird, wieder
enger zusammenzuarbeiten. NCI hat kein Interesse an diesem Konflikt. Es hat keinen
Vorteil davon, außer vielleicht den, dass es nun mehr noch als bisher eigene
Verantwortung übernehmen muss. Mut zur eigenen Verantwortung, das hat NCI und wenn ich
das sagen darf, es macht mich ein bisschen stolz, weil ich NCI mit geprägt habe. Ich
bin stolz darauf, dass die Kolleginnen und Kollegen im NCI, nicht den Mut verlieren,
wenn die große IG Metall sich zurückzieht, sondern bereit sind, aus ihrem Schatten zu
treten, um eigenverantwortlich, das Erbe der offenen Information und des solidarischen
Handelns weiterzuleben.
NCI hat schon viele Stürme überstanden, und es wird auch diesen überstehen. Wahre
Solidarität hängt nicht an einem Server, auch nicht an einem Tag. Solidarität lebt
durch tägliches Tun. Das haben wir nie beendet. Dieses Tun wirbt für sich selbst.
Jeder kann kommen, es sich ansehen, kann bleiben oder gehen, kann mitarbeiten oder
nicht, je nachdem welchen Wert dieses Tun für ihn persönlich hat.
Sicherlich kann man eine Zeitlang mit propagandistischen Worten, wie "einfach
gestrickte Gemüter" u.ä. kurzfristig einen Schatten auf NCI werfen, aber wer sich
einfach mal ansieht, was NCI, genaugenommen die Menschen dort, für die anderen
Kollegen tun, wird erkennen, dass der Schatten, der geworfen wird, dem Schatten einer
Wolke gleicht, die vorüberzieht.
Trotzdem möchte ich, weil ich das in meiner Verantwortung sehe, ein paar
Richtigstellungen vornehmen, die im Bericht von Wolfgang Müller falsch geraten sind.
Eine presserechtliche Gegendarstellung zu verlangen, scheint mir unter ehemaligen
Freunden doch etwas übertrieben - obwohl das möglich wäre.
Zunächst geht es um die Frage, ob wir den Konflikt in der Hofmannstraße als DAS Modell
für erfolgreiche Arbeitnehmervertretung sehen. Den Konflikt sicherlich nicht. Doch
wesentlich Elemente, die zur Lösung dieses Konfliktes (aus 2002/2003) geführt haben,
sehen wir als erfolgreich an. Dazu gehört die offene Informationspolitik, die
Aufklärung über Rechte, die menschliche Zuwendung, die der Mensch unter Belastungen
braucht. Wir sehen es als eine wichtige Komponente des Erfolges an, über Gefühle zu
sprechen, Ängste ernst zu nehmen und nicht hinter einer falsche Souveränität zu
verstecken. Vielleicht ist das eine Eigenschaft von "einfach gestrickten Gemütern",
aber einfaches muss nicht schlecht sein. Unsere These ist, die durch die eigene
Erfahrung verifiziert wurde, dass der Mensch zunächst in seinen Gefühlen aufgefangen
werden muss, dass er dann so viel Information wie möglich braucht und dass er all das
besser bewältigen kann, wenn er dies gemeinsam tut. So gesehen, gebe ich Wolfgang
Müller recht, wenn er sagt, das wir diese Erfahrung aus der Auseinandersetzung
2002/2003 als erfolgreiches Modell ansehen.
Der nächste Punkt geht um "Konflikt als Selbstzweck". Hier gilt es zunächst zu fragen,
wer provoziert den Konflikt? NCI? Will NCI Arbeitplätze abbauen? Bei aller
unterschiedlichen Meinung, aber dies kann man NCI nicht ernsthaft vorwerfen. Siemens
will Arbeitsplätze abbauen, und das sollten wir nicht aus den Augen verlieren. NCI
provoziert keinen Konflikt. Wir wollen niemanden entlassen. Aber wir reagieren auf den
Konflikt, den Siemens erzeugt. So gesehen stimme ich mit Wolfgang Müller überein:
"Konflikt als Selbstzweck hilft den Beschäftigten nicht", aber diese Botschaft sollte
er besser an Siemens als an uns richten. Wir hindern den BR mit Sicherheit nicht am
konstruktiven Dialog mit Siemens, aber wir erlauben uns schon ab und zu mal hinschauen
und uns mit konstruktiver Kritik einzumischen. Einmischen gehört zur Verantwortung.
Und Verantwortung für uns selbst wollen wir übernehmen.
Im nächsten Punkt setzt sich Wolfgang Müller mit den basisdemokratischen Strukturen
des NCI auseinander. Er behauptet, wir hätten keine. Weiter führt er aus, dass niemand
Verantwortung für sein Tun übernimmt. Ich habe stets Verantwortung für mein Tun
übernommen, andere auch. Die IG Metall hatte in mir immer einen Ansprechpartner, an
den sie sich wenden konnte. Warum aber veröffentlichen wir nicht auf unserer Homepage
Ansprechpartner? Ganz einfach, weil diese dann u.U. mit einer fristlosen Kündigung
rechnen müssen. Ich weiß wovon ich spreche. Begreiflicherweise gefällt es Siemens
nicht, wenn aufgeklärt wird, denn Mitarbeiter, die ihre Rechte nicht kennen, sind
leichter zu Entscheidungen zu bringen, die im Interesse von Siemens liegen. Unser
Anspruch dagegen ist, das Mitarbeiter mit Hilfe von Information und Unterstützung,
die für sie persönlich beste Entscheidung finden. Die IG Metall München sollte das
eigentlich verstehen, haben sie mich früher doch davor gewarnt, zu sehr namentlich an
die Öffentlichkeit zu gehen. Siemens ist heute nicht anders als damals.
Nun, ich bin erstaunt, woher Wolfgang Müller sein internes Wissen über NCI nimmt. Er
war - außer ganz am Anfang - auf keiner NCI Veranstaltung, er hat ganz wenig mit uns
geredet, sich nie sonderlich für NCI interessiert. Er weiß überhaupt nichts über
unsere Strukturen, weil wir diese - wie er ja selbst sagt - verbergen. Unsere
Strukturen sind kein Geheimnis. Jeder kann mitmachen. Er muss es einfach tun.
Natürlich wollen wir ihn persönlich näher kennen, wenn er bei unseren
Entscheidungsprozessen mitwirken will. Aber ich denke, das ist natürlich und nicht
undemokratisch. Wir haben ein Koordinationsteam. Wir stimmen Aktionen, wie z.B.
Flugblätter, in einem großen Kreis ab, ganz demokratisch, "wer ist dafür", "wer ist
dagegen", "wer enthält sich."
NCI, so Wolfgang Müller, mutiert zum selbsternannten Verfechter von
Arbeitnehmerrechten in vielen Konflikten (Bayer, MAN, etc). Das schadet häufig, so
fährt Wolfgang fort, weil es die Arbeitnehmerseite spaltet. Außerdem geht der Siemens
Fokus verloren. Wenn man das Wort "selbsternannt" einmal streicht, weil es nichts
anderes ist als Polemik, stelle ich mir die Frage, was daran verwerflich ist, wenn man
Arbeitnehmerrechte verteidigt. Das - so zumindest mein Verständnis - ist der
gewerkschaftliche Grundgedanke und der Wunsch jeder Gewerkschaft. Warum der
Zusammenschluss mit Kollegen aus anderen Betrieben, die Arbeitnehmerschaft spalten
soll, ist mir ein Rätsel. Und bezüglich des Siemens Fokus genügt ein Blick auf unsere
Homepage.
Nun kehrt Wolfgang Müller zurück zum Aufruf zum konsequenten Kampf. Er beschwert sich
über Gewerkschaftsschelte. Vielleicht wird unser Arbeitsrechts ABC auf unserer
Homepage als Aufruf zum konsequenten Kampf verstanden. Ja, wir sind dafür, seine
Rechte zu kennen und sie zu verteidigen, wenn sie durch den Arbeitgeber verletzt
werden. Diese Verteidigung kann bei einem konstruktiven Dialog beginnen, den Siemens
durchaus mit uns führen könnte bis hin zu arbeitsgerichtlichen Verfahren. Aber das hat
nichts mit Kampf um des Kampfes willen zu tun, wie hier suggeriert wird.
Gewerkschaftsschelte findet sich auf unserer Homepage nicht. Kritik werden wir aber
äußern, aber mit dem Anspruch der begründeten Kritik. Auf Kritik reagiert jeder
unterschiedlich. Die einen nehmen sie an, denken darüber nach, reflektieren, ändern
ihr Verhalten oder auch nicht, je nach Ergebnis der Reflektion. Je nach Auffassung
ist es dann konstruktive Kritik oder Gewerkschaftsschelte. Und nebenbei bemerkt, wir
machen die IG Metall doch auch nicht verantwortlich für Forumsbeiträge in ihrem
Dialog. Das ist zu einfach.
NCI versucht, so Wolfgang Müller, den BR von außen zu dominieren. Weiter führt er aus,
dass wir nur einen Sitz in der BR Wahl 2004 errungen haben. Letzteres ist nun überhaupt
kein Argument. Wir waren eine Newcomer Liste; die Belegschaft honorierte damals zu
Recht, die Leistung des BR Mch H unter der Leitung von Heribert Fieber. Mehr gibt es
dazu nicht zu sagen. Zum BR: Einen BR kann man nicht von außen dominieren. Ein BR kann
machen was er will. Wir haben ihn auch nicht mit unserem 1 Sitz von innen dominiert.
Wir haben nur einen Antrag eingereicht, der nicht behandelt wurde. Wenn ein BR die
Meinung von KollegenInnen als Dominanz empfindet, sollte er kurz nachdenken, wozu ein
BR dient, nämlich dazu, die Belegschaft dem Arbeitgeber gegenüber zu vertreten und
dazu ist es hilfreich, wenn er die Meinung der Belegschaft kennt. Es äußern sich mit
Sicherheit auch Kollegen, die nicht im NCI sind, und außerdem sind NCI-ler nichts
anders als ganz normale Mitarbeiter.
Bisher habe ich das ganze Statement von Wolfgang Müller noch mit einer gewissen
Portion Humor gesehen, aber, wenn er behauptet, dass wir eine Fundamentalopposition
mit undurchsichtigen Strukturen sind, da fällt mir nur noch §187 StGB ein:
"Verleumdung" "Wer wider besseres Wissen in Beziehung auf einen anderen eine unwahre
Tatsache behauptet oder verbreitet, ..."
Doch mit einem solchem § sollte man nicht enden. Ich fände es schön, wenn Wolfgang
Müller wenigsten diesen Punkt zurücknehmen würde, denn er weiß genau, dass er nicht
stimmt. Ansonsten könnte es sein, dass ich ihm das "Sie" anbiete. Ein Gewerkschafter
weiß, was ich damit ausdrücken will.
Und trotzdem - und für dieses trotzdem bin ich bekannt - gebe ich die Hoffnung nicht
auf, dass wir eines fernen Tages wieder zueinander finden werden, denn schließlich
stehen wir alle vor Herausforderungen, die unsere Lebensbedingungen in Deutschland und
Europa prägen. Es hängt auch von uns ab, wie diese eines Tages aussehen werden. Es
liegt auch in unserer Hand, ob unsere Kinder zu Wanderarbeitern in Deutschland oder
gar zu Gastarbeitern in China werden, die dann dort die Löhne drücken. Nur, wenn wir
erkennen, dass gerade in unserer Verschiedenheit unsere Stärke liegt, dann haben wir
eine Chance, menschenwürdige Arbeitsbedingungen zu erhalten und mitzuhelfen, dass sie
in anderen Ländern entstehen können. Und der Weg zu diesem Ziel beginnt in Mch H,
beginnt dort, wo wir sind. Wir sollten es gemeinsam tun, in gegenseitiger Achtung
voreinander, in der Akzeptanz der Verschiedenheit. Einmal haben wir das schon geschafft:
2002/2003. Und der Erfolg gibt recht. Warum sollte es nicht wieder gelingen - eines
Tages.
Es gehört nur ein bisschen Mut zur eigenen Verantwortung dazu.
Inken Wanzek, NCI und IG Metall Mitglied